Wer noch im Alter von 26 Jahren oder mehr bei den Eltern wohnen bleibt, wird in der Psychologie als Nesthocker bezeichnet. Ein Phänomen, das mindestens seit den 2000er-Jahren, wenn nicht gar seit den 1990er-Jahren zunimmt. Ein Grund dafür ist, dass immer mehr Kinder länger zur Schule gehen, wie die Forscherin erläutert: “Ein Abitur ist heute der Standardabschluss, auch für eine Lehre. Konnte man früher mit 16 anfangen zu arbeiten, sind auch die Leute, die eine Lehre machen heute eher 20. Das heißt, eine längere Betreuung durch die Eltern ist gesellschaftlich notwendig.”
Doch auch die Eltern sind nicht ganz unschuldig. Die Forschung zeigt: Häufig hätscheln und verwöhnen sie ihre Kinder zu lange, haben selbst Trennungsängste und wollen die Nachkommen deshalb nicht gehen lassen. Ob nun der Eltern, der Bequemlichkeit oder der Finanzen wegen knapp 20 Prozent aller 25- bis 29-Jährigen lebten laut den Zensusdaten aus dem Jahr 2011 noch oder schon wieder bei ihren Eltern.
Unterschied zwischen Stadt und Land
Ein Blick auf die Karte zeigt: Dabei gibt es bundesweite Unterschiede, aus denen sich Trends ablesen lassen. Den auszugsfreudigen Nordwestlern stehen die daheimbleibenden Südostler entgegen. So lebten 2015 in Thüringen und Niederbayern mindestens ein Viertel der 25- bis 29- Jährigen noch im Elternhaus, während in Schleswig-Holstein und in den eher nördlich gelegenen Stadtstaaten nur zwischen 10 und 15 Prozent derselben Altersgruppe bei den Versorgern residierte.
Ob Nord, Süd, Ost oder West – auffällig ist ein Stadt-Land Gefälle. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl des Wohnorts und dem Anteil junger Erwachsener, die noch bei den Eltern leben. Genauer: Je größer der Wohnort, desto geringer der Anteil an Nesthockern. Dass Landeier eher zum Daheimwohnen tendieren und Stadtkinder früher flügge werden, kann daraus aber nicht abgelesen werden. Durch Hochschulen, die viele junge Studenten in große und mittelgroße Städte ziehen, wird der Anteil der jungen Erwachsenen, die eigenständig leben, dort automatisch höher.
Das belegen auch die Regionen, die auf der Karte hellgelb gefärbt sind und nur acht bis zehn Prozent Nesthocker haben. Denn was haben Jena, Freiburg, Kassel, Greifswald, Münster und Erlangen gemeinsam? Genau, bei allen handelt es sich um Universitätsstandorte. Ebenso die Übrigen der insgesamt 25 hellgelben Kreise, in denen nur maximal zehn Prozent der jungen Erwachsenen nicht auf eigenen Füßen stehen. Ob die aber nun Einheimische, Zugezogene vom Land oder aus einer anderen Stadt sind, lässt sich nicht sagen.
Religion als Ursache
Ein weiterer Faktor, der den Unterschied zwischen Stadt und Land, aber auch das Nordwest-Südost-Gefälle beeinflussen könnte, ist die Religionszugehörigkeit der Bewohner. Das legen die Statistiken für Niederbayern, das Emsland und das oldenburgische Münsterland nahe – in diesen Gegenden gibt es viele Nesthocker und die Regionen sind stark katholisch geprägt.





