bild der wissenschaft: Warum gehören Anatomie-Kurse an Leichen zum festen Bestandteil der Medizinerausbildung?
Siewert: Die Approbationsordnung schreibt gesetzlich vor, daß die Mediziner auch heute noch durch einen Präparierkurs an der Leiche ausgebildet werden.
bdw: Als Nichtmediziner stellt man sich die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, Menschen in Einzelteile zu zerlegen…
Siewert: …das sind keine Menschen mehr, das sind Leichen von Verstorbenen, die sich zu Lebzeiten freiwillig zur Verfügung gestellt haben. Im Regelfall werden die Leichen ja auch nicht aufgearbeitet, sondern über die Jahre immer wieder benutzt. In den meisten „Präp-Kursen”, wie Studenten dazu sagen, geht es darum, den anatomischen Aufbau des Menschen an Präparaten wie Arm, Bein oder Bauch zu studieren.
bdw: Bei dem in diesem Heft vorgestellten Anatomiekurs wird eine Leiche aber völlig ausgenommen.
Siewert: Das eigenhändige Präparieren von anatomischen Strukturen ist eher die Ausnahme. Normalerweise geht es darum, vorzerlegte Präparate anzusehen, um den Verlauf von Muskeln oder den Durchzug von Nerven zu studieren. Ich persönlich bin der Auffassung, daß das eigenhändige Präparieren nicht so furchtbar viel bringt. Natürlich sind die Studenten oft sehr gerne mit dabei, wenn sie mit ihren eigenen Händen etwas vornehmen können.
bdw: Einige der in unserer Anatomiereportage vorgestellten Mediziner ziehen sich sogar die Handschuhe aus, um in engeren Kontakt mit der Leiche zu treten. Entwickelt man als Arzt auch zu toten Körpern eine sinnliche Beziehung?
Siewert: Medizin ist eine praktische Wissenschaft, die auch hohe Anforderungen an den Tastsinn stellt. Deshalb ist der Drang der Studenten sehr verständlich, überall selbst Hand anzulegen, etwas in die Hand zu nehmen, es zu „begreifen”.
bdw: Nicht jeder Studierende empfindet so. Bei manchem ist die Scheu, eine Leiche zu zerteilen, größer als die Neugierde.
Siewert: In der Tat springen durch so einen Kurs einige vom Medizinstudium ab. Und das ist auch gut so. Je früher jemand merkt, daß er zum Mediziner nicht taugt, desto besser.
bdw: Wie ändert sich die Einstellung einer Leiche oder einem Körper gegenüber durch den Anatomiekurs?
Siewert: Der respektvolle Umgang mit einem menschlichen Präparat oder Körper will erlernt sein. Da leistet ein Präp-Kurs gute Dienste.
bdw: Es ist also weder wahrscheinlich noch erwünscht, Anatomiekurse an Leichen durch Computerkurse zu ersetzen?
Siewert: Das weiß ich nicht. Anatomie spielt sich ja nicht nur im Makroskopischen ab. Die Studenten lernen nicht nur den Verlauf von Muskeln, Sehnen und dergleichen kennen, sondern sie müssen viel mehr bis runter zur Molekularbiologie „begreifen”. Heute werden Lehrstühle fast nur noch mit mikroskopisch arbeitenden Anatomen besetzt. Diese Forschung ist der eigentliche wissenschaftliche Teil, er ist losgelöst von dem zwar spektakulären, aber nur marginal wichtigen Teil der Leichenpräparation. Überdies ist Anatomie, wie man sie im Studium betreibt, etwas klinikfern. Natürlich lernt man die klinisch relevante Anatomie dadurch etwas leichter. Irgendwo müssen die Studenten auch „Begriffe kloppen”, also lernen, wie zum Beispiel die einzelnen Handwurzelknochen heißen. Doch durch die moderne Bildgebung, wie sie Computertomographen ermöglichen, spielen konventionelle Anatomiekenntnisse eine immer praxisfernere Rolle, weil man sich jetzt an horizontalen Bildschnitten orientiert.
bdw: Welchen Stellenwert hat Anatomie für Chirurgen?
Siewert: Der berühmte Sauerbruch hat einmal gesagt: „Ein Chirurg ohne perfekte anatomische Kenntnisse ist ein Maulwurf.” Tatsächlich muß der Chirurg die Bandbreite der menschlichen Anatomie in seinem Schwerpunktgebiet beherrschen. Wenn man sich nicht perfekt auskennt, ist man sehr gut beraten, wenn man in einem der klassischen Anatomieatlanten vor einer Operation nachschlägt. Das Problem ist, daß diese Atlanten nicht den chirurgischen Alltag wiedergeben, die Perspektive ist oft eine ganz andere. Deshalb habe ich auch schon mehrfach angemahnt, die Atlanten endlich so zu gestalten, daß sie auch klinisch relevant sind.
bdw: Erlebt ein erfahrener Chirurg noch anatomische Überraschungen?
Siewert: Der menschliche Körper ist voller Anomalien. Man beginnt also jede Operation mit einer gewissen Überraschungswahrscheinlichkeit. Das Aufmachen, Reinschauen und die Befunderhebung sind auch für einen erfahrenen Chirurgen immer wieder spannend und aufregend. Ich schätze, jede zehnte Operation birgt Überraschungen – beispielsweise, daß ein Tumorstadium sich anders darstellt als gedacht. Oder daß ein Patient eine Gefäßanomalie hat und der operative Verlauf plötzlich anders weitergeführt werden muß als geplant.
Wolfgang Hess




