bild der wissenschaft: Wie ist es um das Verhältnis Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager in Deutschland bestellt?
Seidler: Es ist nicht spannungsfrei, weil Wissenschaftler die Wissenschaftsmanager nicht selten als Bürokraten betrachten – nur dazu da, gute Wissenschaft zu verhindern.
Blum: Die Zurückhaltung der Wissenschaftler gegenüber jedem ökonomischen Denken kann man am besten ausräumen, indem man feststellt: Es geht um Management für Wissenschaft und nicht um Management der Wissenschaft. Wenn das klar ist, sehe ich ein hohes Rationalisierungspotenzial und eine Steigerung an Effektivität und Effizienz.
bdw: Was heißt das konkret?
Blum: Wissenschaftsmanagement heißt, die in der Wirtschaft bewährten Instrumente der Betriebswirtschaft auf die Wissenschaft adäquat zu übertragen. So wurden im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vor sieben Jahren die IT-Services privatisiert. Nach drei Jahren war die Produktivität dieses Bereichs um nachgewiesene 25 Prozent gestiegen. Das bedeutet 25 Prozent mehr Leistung für das gleiche Geld. Übertragen auf die ganze Wissenschaft behaupte ich: Wir können die Produktivität zumindest der Servicedienste für die Wissenschaft um etwa 20 Prozent steigern, wenn wir sie nach modernen Gesichtspunkten führen. Beispielsweise sollte man Großrechner-Kapazitäten vermieten und nicht – wie es immer noch der Fall ist – unentgeltlich zuteilen. Dann würde die Nachfrage die Investition bestimmen. Diese Überlegungen gelten auch für den Bau und Betrieb von Gebäuden und ganzen Einrichtungen.
Seidler: Die Wissenschaft hat in Deutschland lange nach dem Motto gehandelt: Wir sind gut, die Gesellschaft der Steuerzahler soll uns das erforderliche Geld zur Verfügung stellen, im Übrigen soll sie uns in Ruhe lassen. Das ist heute nicht mehr haltbar. Auch in der Wissenschaft muss man sich damit abfinden, dass für den gleichen Betrag mehr Gegenwert erwartet wird.
Blum: Dass das funktioniert, ist bewiesen. Nach 1990 wurden die Finanzmittel für die Großforschung für etwa zehn Jahre eingefroren. Trotz dieses nominalen Nullwachstums, das real eine Mittelreduktion von 20 bis 30 Prozent bedeutete, würde keiner der betroffenen Forscher heute sagen, dass seine Wissenschaft schlechter geworden ist.
bdw: Wir haben gut ein Jahrzehnt der Evaluation, der Begutachtung von Wissenschaft, hinter uns, und jeder Wissenschaftler hat sich an die Leistungsüberprüfung gewöhnt. Warum sollte man nicht auch die administrativen und technischen Infrastruktureinrichtungen bewerten?
Seidler: Wir haben gute Erfahrungen mit einem Projekt gemacht, bei dem vier technisch orientierte Universitäten – Darmstadt, Erlangen, München und Stuttgart – daraufhin untersucht wurden, welche einen bestimmten Prozess am kostengünstigsten und effizientesten erledigt. Das ist eine einfache Form der Evaluation – ohne externe Gutachter, aber mit externer Unterstützung bei der Untersuchung.
Blum: Eine andere sind Zertifizierungen. Auch Forschungseinrichtungen können nach ISO-Normen standardisiert und zertifiziert werden. Beispielsweise kann die Auftragsverwaltung so normiert werden, dass nationalen und internationalen Geldgebern eindeutig klar ist, wie Aufträge vergeben werden. Zertifiziert wird hier Managementqualität – die Voraussetzung für die Mitteleinwerbung.
bdw: Ob modernes Wissenschaftsmanagement von Hochschullehrern befürwortet wird oder nicht, hängt sicher auch davon ab, durch welche Fachdisziplinen eine Universität geprägt ist. Zwischen Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, Medizin, Ingenieurwissenschaften oder Wirtschaftswissenschaften gibt es doch sicher Unterschiede?
Seidler: Am besten sind Ingenieure organisiert, deutlich effizienter als Betriebswirte. Ingenieure haben eine klare Aufgaben- und Projektorientierung mit eindeutigen zeitlichen Vorgaben. Hinzu kommt, dass die meisten Hochschul-Ingenieure aus der Wirtschaft kommen und deshalb ein klares Projekt- und Kostenbewusstsein mitbringen.
Blum: Demgegenüber sind betriebswirtschaftliche Fakultäten – von denen ich eine ganze Reihe kenne – weitaus theoretischer ausgerichtet, weshalb ich keiner einzigen die Leitung einer Universität übertragen würde.
bdw: Hier wollen Sie mit Ihrem Zentrum für Wissenschaftsmanagement weiterhelfen. Was an betriebswirtschaftlicher Steuerung soll und kann ein junger Physiker bei Ihnen lernen?
Blum: Wir vermitteln einfaches, aber für den konkreten Fall wesentliches Wissen. So organisiert das Zentrum für Wissenschaftsmanagement (ZWM) derzeit für die Deutsche Forschungsgemeinschaft Kurse zum Thema „Wie leite ich ein Labor?” . Hier geben wir unter anderem Antworten auf Fragen zur Personalführung, zur Mittelverwendung und Mittelbeschaffung, zur Kommunikation in einer Gruppe und zum Know-how-Schutz gegenüber gewieften Partnern der Industrie.
bdw: Generationen von Professoren haben sich solche Dinge nebenbei angeeignet. Und das mitunter höchst erfolgreich, wenn man sich anschaut, wie gut das eine oder andere Institut funktioniert.
Seidler: In der Regel haben aber auch erfolgreiche Institutsmanager Lehrgeld bezahlen müssen. Schauen Sie sich doch nur einmal an, auf welche Schwierigkeiten ein guter Wissenschaftler stößt, wenn er Dekan wird oder einen Sonderforschungsbereich leiten soll und plötzlich Millionen Euro an Projektmitteln pro Jahr angemessen abwickeln muss.
Blum: Was wir leisten können, möchte ich an einem Beispiel schildern. Vor einem Jahr kam ein junger Wissenschaftler auf mich zu, der im Alter von nur 33 Jahren in ein sehr renommiertes Grundlagen-Institut berufen worden war und nun – mit 37 – geschäftsführender Direktor werden sollte. Weil er sich dadurch überfordert fühlte, wollte er mich für sechs Monate als Coach mieten. Mieten kann man mich zwar nicht, aber wir konnten ihm zeigen, was er braucht, um die Geschäfte erfolgreich zu führen. Wichtig ist zu erkennen, dass Wissenschaftsmanagement eine Fähigkeit ist, über die auch eine wissenschaftliche Koryphäe von Hause aus nicht ohne weiteres verfügt.
bdw: Sehen Wissenschaftler denn ein, dass Fort- oder Weiterbildungsmaßnahmen notwendig sind, wenn man ein Institut erfolgreich managen will?
Blum: Deutlich weniger als die Hälfte. Doch hier tut sich etwas. So betont der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Prof. Walter Kröll, immer wieder: Wir brauchen nicht nur mehr Geld für Wissenschaft und Forschung, sondern auch mehr Forschung fürs Geld. Die Konsequenz bei der Helmholtz-Gemeinschaft – die immerhin 24 000 Menschen beschäftigt – ist, dass modernes Wissenschaftsmanagement ebenso gefordert wie gefördert wird. Aber auch dort gibt es noch ein erhebliches Steigerungspotenzial.
bdw: Was bietet das Zentrum für Wissenschaftsmanagement konkret an?
Seidler: Einmal Ausbildung über das dreimonatige Ergänzungsstudium für zukünftige Wissenschaftsmanager in Speyer. Der zweite Punkt ist Weiterbildung. Und die Dritte Säule ist die Forschung, etwa über eine in Deutschland einzigartige Forschergruppe, die sich mit Governance-Formen von Wissenschaftssystemen beschäftigt und untersucht, wie sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit der Forschung darstellt. Als Viertes möchte ich noch unsere Dienstleistungen nennen, die wir bei spezifischen Problemen erbringen, etwa beim Coaching des jungen Wissenschaftlers, der geschäftsführender Direktor werden soll, oder beim Coaching für Juniorprofessoren.
bdw: Was unterscheidet das ZWM von Centrum für Hochschulentwicklung CHE – einer Einrichtung der Bertelsmann-Stiftung?
Blum: Das CHE ist gut und hat in den vergangenen zehn Jahren viel geleistet. Gegenüber dem CHE hat das Zentrum für Wissenschaftsmanagement drei Alleinstellungsmerkmale: Wir sind eine Selbsthilfe-Einrichtung der Wissenschaft und helfen uns gegenseitig durch konsequenten Erfahrungsaustausch. Wir sind nicht von einer Subvention abhängig wie das CHE der Bertelsmann-Stiftung. Und wir beschränken uns nicht wie das CHE auf Hochschulen, sondern fassen den Bereich der Hochschulen und der außeruniversitären Forschung zusammen.
bdw: Wer bezahlt die Arbeit des ZWM?
Blum: Für die Ausbildung verlangen wir bis zu 350 Euro pro Ausbildungstag. Diese Mittel stellen in der Regel unsere Mitgliedseinrichtungen zur Verfügung. Doch jeder fünfte Teilnehmer bezahlt seine Ausbildung aus eigener Tasche. Unsere Dozentinnen und Dozenten kommen zur Hälfte aus den Mitgliedseinrichtungen. Das führt zu einem wichtigen Schneeballeffekt.
bdw: In Deutschland werden rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung ausgegeben. Ziel ist, dies baldmöglichst auf drei Prozent zu steigern. Können wir diese Finanzierungslücke durch effizientes Wissenschaftsmanagement wettmachen?
Seidler: Natürlich hat jede große Organisation ein Potenzial, das man mobilisieren kann. Doch die wahren Probleme stecken woanders. Wissenschaft ist einerseits personalintensiv, und sie ist andererseits in den Naturwissenschaften, der Medizin und der Technik extrem abhängig von Investitionen, die man im Rhythmus von etwa fünf Jahren erneuern muss. Ressourcen sind heute kaum vorhanden. Manche Universität kann von dem vom Land zur Verfügung gestellten Budget gerade mal zwei Prozent für Investitionen ausgeben. Das ist dramatisch wenig. Und es sind selten mehr als fünf Prozent. Doch auch das heißt: Nur einer von 20 Euro steht für neues technisches Gerät zur Verfügung. Wenn man die Forschung in Deutschland weiter in Richtung internationale Spitze bringen will, sind bessere Managementstrukturen zwar notwendig, aber ohne mehr Geld schaffen wir den Anschluss nicht.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■ Jürgen Blum (links) war bis 2001 Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt. Er studierte Jura und promovierte in den Verwaltungswissenschaften. Blum (Jahrgang 1939) ist Honorarprofessor an der Universität Stuttgart und geschäftsführender Vorstand des 2002 gegründeten Zentrums für Wissenschaftsmanagement (ZWM) in Speyer. Hanns H. Seidler ist seit 1985 Kanzler der Technischen Universität Darmstadt. Er studierte Jura in Frankfurt, Berlin und Freiburg, wo er in Verwaltungsrecht promovierte. Seidler (Jahrgang 1943) war mehrere Jahre Sprecher der deutschen Universitätskanzler und ist Honorarprofessor an der TU Darmstadt. Seit der Gründung des ZWM ist er dessen Vorstandsvorsitzender.




