Es gibt einen Satz, auf den Patienten mit Chronischem Erschöpfungssyndrom (CFS) allergisch reagieren: „Lass Dich nicht so hängen!” Denn die Betroffenen sind gleich doppelt geplagt: Sie fühlen sich ständig krank, leiden über Monate oder gar Jahre unter einer extremen Erschöpfung, aber von ihrem Umfeld werden sie nicht ernst genommen. Das Problem: Es ist unklar, was die Symptome auslöst – und daher gibt es auch keine objektive Diagnosemöglichkeit.
Da verwundert es nicht, dass die Reaktion auf eine Studie amerikanischer Forscher geradezu euphorisch ausfiel: Das Team um Judy Mikovits vom Whittemore Peterson Institute in Reno hatte in einer Gruppe von CFS-Kranken bei zwei Dritteln aktive, ansteckende Viren vom Typ XMRV nachgewiesen, unter Gesunden jedoch nur bei etwa vier Prozent. Mehr noch: Neun von zehn Betroffenen müssen laut ihren Blutwerten irgendwann einmal Kontakt mit den Erregern gehabt haben. Mikovits ist sicher, in ihnen den lange gesuchten Auslöser für CFS identifiziert zu haben.
Auch an der Berliner Charité hält man es für wahrscheinlich, dass es sich beim CFS um eine Immunstörung handelt. „Wir haben sofort zusammen mit Norbert Bannert, einem Experten vom Robert-Koch-Institut, nach XMRV bei unseren Patienten gesucht”, berichtet Carmen Scheibenbogen, Leiterin der CFS-Sprechstunde in der immunologischen Ambulanz. Die bisherigen Ergebnisse: Anders als in den USA lässt sich XMRV bei den meisten Charité-Patienten nicht nachweisen. Die Untersuchungen stehen aber noch ganz am Anfang, betont Scheibenbogen.
Die Immunologin setzt ohnehin auf einen anderen Kandidaten: das zu den Herpesviren gehörende Epstein-Barr-Virus (EBV). Es ist der Erreger des Pfeiffer’schen Drüsenfiebers und außerdem seit Jahren im Fokus von CFS-Forschern. Normalerweise verbringt EBV – wie fast alle Herpesviren – die meiste Zeit in einem Ruhezustand. „Diese Viren scheinen jedoch bei den Betroffenen vermehrt aktiv zu sein”, sagt Scheibenbogen. Und: Bei CFS-Patienten fanden sich erste Hinweise auf eine Störung der gezielten Immunabwehr gegen EBV. „Es gibt bereits klinische Studien in den USA, die zeigen, dass entsprechende Medikamente helfen”, deutet Carmen Scheibenbogen an. In Deutschland sind bislang noch keine Wirkstoffe für CFS-Patienten zugelassen.
Und die XMRV-Studie? Auch wenn der Hype um sie verfrüht gewesen sein mag, für eines hat sie auf jeden Fall gesorgt: Das Chronische Erschöpfungssyndrom wird wieder als Immunstörung diskutiert. Bestätigt sich das, wären die Betroffenen endlich das Stigma los, sie ließen sich bloß hängen.





