Michel Jan zählt nicht die Erd- und Steinmassen auf, die für die Chimäre vermeintlicher Sicherheit verarbeitet wurden, sondern er erzählt lieber – zum Beispiel über die innenpolitischen Querelen am Hof der Qin-Dynastie, die schließlich auf Mauern baute, statt auf Annäherung an den Nachbarn.
Jan, der ostasiatische Geschichte in Paris lehrt, spannt den Bogen von den ersten Erdwällen im 7. Jahrhundert v.Chr. bis zu den letzten Mauern in der Mingzeit des 20. Jahrhunderts. Dabei berichtet er in sehr eigenwilliger, aber mitreißenden Sprache. Oft läßt er Betroffene reden – etwa die barbarischen Nachbarn, die ignoranten Europäer oder verwöhnte Stadtchinesen, die an die physisch wie kulturell tödliche Grenze verbannt wurden. Aus diesem Puzzle läßt er so ein Gesamtbild des Jahrtausend-Phänomens China von großer Dichte und Strahlkraft entstehen.
Dazu tragen auch die wunderbaren Bilder der beiden Foto-Autoren bei. Roland und Sabrina Michaud haben bereits mehrere Bildbände über Ost-asien vorgelegt. In diesem Buch lichten sie nicht das bloße Gemäuer ab, sondern fangen die Idee dahinter ein – fremd und eigen, Schutz und Abwehr, Ausgrenzung und Einigelung. Neben vielerlei ungewohnte Abbildungen des wahnwitzigen Walls, eingebettet in seine vielfältigen Landschaften, stellen sie Portraits der Menschen diesseits und jenseits der Mauer.
Text und Bild lassen eine Kulturgeschichte Chinas entstehen, die weit über das Thema „Chinesische Mauer” hinausgeht. Für mich ist diese Edition das beste, was derzeit über das Rätsel China auf dem Markt ist.
Michel Jan, Roland und Sabrina MichaudDIE CHINESISCHE MAUERHirmer Verlag, München 2000 DM 148,–
Michael Zick / Michel Jan / Roland Michaud / Sabrina Michaud





