Chemie = Bedrohung argumentieren viele. Denn Chemiker pfuschten dem Leben und der Umwelt ins Handwerk, heißt es. Diese Diskussion füllt Bände und Auditorien. Und weit ist der Weg zum gesellschaftlichen Konsens. Indes: Chemie und Leben zu polarisieren, ist der verkehrte Ansatz. Denn Leben basiert auf chemischen Prozessen. Nur deshalb ist Leben auch durch Chemie beeinflußbar – im Positiven wie im Negativen. Die ablehnende Haltung zur Chemie hat tiefe Wurzeln: Die meisten erinnern sich mit Schrek-ken an den Chemieunterricht in der Schule – alltagsfern und theoriebesessen. Hier müssen Chemiker ansetzen, wenn sie von der Öffentlichkeit mehr Verständnis erwarten. Denn angesichts des schulischen Mankos werden Beiträge zur Entwicklung der Chemie oft verschmäht. Man versteht ja ohnehin nichts davon, lautet das Argument. Auch wir bei bild der wissenschaft bemerken das – etwa im Vergleich zur Physik – schwächere Interesse an der Chemie. Doch gerade deshalb betrachten wir es als unsere Pflicht, die Chemie zu popularisieren. So ereignet sich in den Labors der Industrie derzeit eine Revolution der Wirkstoff-Forschung, über die kaum jemand Bescheid weiß: Menschliche Erfahrung und Intuition reichen nicht aus, um im Wettbewerb um die besten – und einträglichsten – Arzneimittel bestehen zu können. Lesen Sie den aufschlußreichen – und verständlichen – Bericht von Frank Frick (ab Seite 32). Nicht jede Recherche führt zu einem brauchbaren Ergebnis, will sagen, zu einem Beitrag. Das ist trivial und wäre nicht weiter erwähnenswert – wenn mitunter nicht ganze Expeditionen von der
Gesprächsbereitschaft einzelner abhängen würden. Waltraut Sperlich (“Text”) und Ulrich Schendzielorz (“Bild”) hatten sich ins südliche Anatolien aufgemacht, um über Karatepe, die letzte Bastion des versunkenen Hethiter-Reichs zu berichten. Schlüsselfigur für das Gelingen war die 81jährige Halet Cambel, Hüterin und Mitentdeckerin der kostbaren Hethiter-Reliefs. Als die bdw-Kundschafter nach strapaziöser Reise und mit einem halben Tag Verspätung endlich bei ihr eintrafen, zeigte sich die Enkelin eines osmanischen Botschafters im kaiserlichen Berlin zugeknöpft. Mit der Begründung, der Termin sei auf Nachmittag und nicht auf Abend angesetzt gewesen, wurden unsere Gesandten abgewiesen. In den darauffolgenden Tagen machten die beiden bei Halet éambel offensichtlich Boden gut. Denn die Bildreportage (Seite 82 bis 91) ist das Schmuckstück dieses Heftes.
Seit geraumer Zeit bereiten wir die Serie “Leben ’21 ” vor (rechts das Logo). Sie wird in lockerer Folge über wesentliche Entwicklungen informieren, die uns im nächsten Jahrhundert ins Haus stehen. Den Start der Serie haben wir mit Bedacht gewählt. Unser Countdown beginnt am 6. April 1997, einem Sonntag, an dem es noch genau 1000 Tage sind bis Neujahr 2000. Der zweite Teil der Serie folgt in der Juni-Ausgabe. Thema: Die Schlüsseltechnologien für Deutschland. Den Anfang macht ein Report über Trends und Prognosen weltbekannter Forschungsinstitutionen für das 21. Jahrhundert. Die Analysen (Titelgeschichte ab Seite 55) sind nicht ermutigend: Die Weltbevölkerung muß enger zusammenrükken, die Umwelt wird weiter verdreckt, das Wasser wird knapp, die kriegerischen Auseinandersetzungen nehmen dramatisch zu – lautet die Quintessenz dieser Untersuchungen. Lassen wir uns deswegen nicht bange machen: Auguren können irren. Schließlich liegt es an uns, das Leben in die Hand zu nehmen, gestalterisch zu wirken und so düsteren Prophezeiungen den Boden zu entziehen.
Wolfgang Hess




