Farben wirken direkt. Sie zielen – ohne Umweg über den Verstand – auf das Gefühl. Farben zu verstehen, fällt deshalb schwer. Trotzdem wurde immer wieder versucht, ihre Wirkung zu entschlüsseln.
Der Wissenschaftsautor Ernst Peter Fischer und der Professor für Design, Farbtheorie und experimentelle Geometrie Narciso Silvestrini sind kenntnisreiche und unterhaltsame Führer durch das Labyrinth der Farbtheorien. Galten in der Antike Farben noch als Grundelemente einer umfassenden Naturphilosophie, so werden sie seit dem ausgehenden Mittelalter zum Gegenstand der neu entstehenden Naturwissenschaften. Physiker, Chemiker, Biologen, später auch Psychologen und Genetiker versuchen den Farben mit analytischen Methoden auf die sinnlichen Schliche zu kommen.
In 70 kurzen, chronologisch geordneten Kapiteln werden wichtige Farbtheoretiker, ihr Erkenntnisinteresse und ihre Ergebnisse vorgestellt. Isaac Newton lenkt im Jahr 1670 Sonnenstrahlen durch ein Prisma und entdeckt, daß alle Farben des Spektrums Bestandteile des weißen Lichts sind. “Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches hat er euch weis gemacht, das ihr ein Säkulum glaubt.” So polemisiert Goethe über 100 Jahre später und versucht sich an einer systematischen Beschreibung der Gefühlswerte von Farben. Bis heute gibt es keine Theorie, die alle Aspekte des Phänomens Farbe erfassen könnte.
Die Schlußkapitel zeigen, welche Bedeutungen Farben in den Traditionen der Weltreligionen, der Heraldik und der Anthroposophie zugeordnet werden.
Silvestrinis zurückhaltend kolorierte Zeichnungen von Farbmodellen sind didaktische Glücksfälle von hoher ästhetischer Qualität. Fischers Texte erläutern die Systeme und bewerten sie. Schade nur, daß die vielen Informationen nicht durch ein Sach- und Namensregister erschlossen sind.
FARBSYSTEME IN KUNST UND WISSENSCHAFT Narciso Silvestrini und Ernst Peter Fischer, hrsg. von Klaus Stromer DuMont, Köln 1998 235 S., DM 128,-
Ulrich Schendzielorz




