bild der wissenschaft: Sie arbeiten an einer völlig neuen 30-bändigen Enzyklopädie, deren erste Bände zur Frankfurter Buchmesse 2005 erscheinen sollen. Angesichts der frei zugänglichen Informationsflut im Internet, in dem sich auch das unentgeltliche Lexikon Wikipedia findet, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Ihr Verlag Insolvenz anmeldet, Frau Dr. Zwahr.
Zwahr: Im Gegenteil. Zwar haben wir den Preis für das Gesamtwerk noch nicht exakt kalkuliert, doch wir werden den Kunden sicherlich einen Preis anbieten können, der für sie tragfähig ist und, wenn es da Besorgnisse geben sollte, gewiss unser Überleben garantiert. Unsere neue Enzyklopädie wird mehr Stichwörter enthalten als alle bisher erschienenen Lexika.
bdw: Das wird nicht reichen, um Internet verwöhnte Kunden zum Kauf zu animieren.
Zwahr: Ein großer Vorteil einer redaktionell verantworteten Enzyklopädie ist, dass der moderne Wissenszuwachs geprüft wird, ehe er in die von Brockhaus herausgegebene Enzyklopädie einfließt. Nehmen wir konkret das Beispiel der modernen Seuche SARS. Unser Artikel zu diesem Thema ist vom Fachmann geschrieben, und die redaktionelle Bearbeitung geht durch mehrere Hände. Damit gewährleisten wir ein hohes Maß an Verständlichkeit und Richtigkeit, was Sie so im World Wide Web nahezu nirgends finden.
bdw: In den älteren Ausgaben brillierte der Brockhaus durch Biografien über Kaiser, Päpste, Literaten und Politiker und weniger über Sport- und Popstars, die heute immer wichtiger zu werden scheinen. Wird sich das in der bevorstehenden Ausgabe ändern?
Zwahr: Uns ist klar, dass man den Brockhaus von außen häufig etwas konservativ bewertet. Doch bereits Friedrich Arnold Brockhaus, der die Tradition vor 200 Jahren ins Leben rief, war kein Traditionalist, sondern hatte den Ehrgeiz, seiner Zeit zu dienen. Die großen Gegenwartsthemen gehen wir bereits seit der 20. Ausgabe in besonderer Weise über so genannte Schlüsselbegriffe an. Sie können sicher sein, dass wir in die bevorstehende Ausgabe eine große Zahl an neuen Schlüsselbegriffen aufnehmen werden, die das jeweilige Thema nicht nur aus einer Position beleuchten, sondern auf alle wichtigen Strömungen der Gegenwart eingehen.
bdw: Welche Auflagenhöhe hat denn die Brockhaus Enzyklopädie erreicht, die zwischen 1986 und 1993 – also noch vor der Internet-Zeit – in 24 Bänden erschienen ist?
Zwahr: Die genauen Zahlen muss ich Ihnen vorenthalten. Doch so viel kann ich verraten: Die angesprochene 19. Auflage war ungeheuer erfolgreich. Durch die Wiedervereinigung war der Nachschlagebedarf hoch, vor allem deshalb, weil er im Osten über viele Jahre nicht befriedigt werden konnte: In den achtziger Jahren erschien in der ehemaligen DDR kein vielbändiges Nachschlagewerk. Ab 1996 ist dann noch unsere 20. Auflage erschienen, die sich äußerlich von der vorherigen wenig unterscheidet, im Inneren aber sehr stark auf den Niedergang der sozialistischen Staaten und die damit verbundenen weltweiten Entwicklungen eingeht.
bdw: Gibt es auf internationaler Ebene Beispiele, dass auch im 21. Jahrhundert teure Enzyklopädien auf große Kundschaft stoßen?
Zwahr: Die Encyclopaedia Britannica ist 2002 nach mehreren Jahren, in denen sie nur noch übers Internet angeboten wurde, wieder in Print erschienen und umfasst 32 Bände, die gut zu gehen scheinen. Auch dem französisch sprachigen Buchmarkt steht mit der Encyclopédie Universalis seit 2002 ein modernes Werk mit 28 Bänden zur Verfügung. Im spanischen und italienischen Sprachraum werden vielbändige Lexika erwartet.
bdw: Englisch wird im deutschsprachigen Raum mehr und mehr zur zweiten Umgangssprache der Bildungselite. Warum sollten deren Angehörige dem neuen Brockhaus nicht die Encyclopaedia Britannica vorziehen, mit der man sich noch ein bisschen mehr schmücken kann?
Zwahr: Wenn man den Stichwortbestand der Britannica mit dem unserer 20. Auflage vergleicht, stehen 75 000 Stichwörtern 240 000 gegenüber. Bei der bevorstehenden Brockhaus-Auflage werden es nochmals deutlich mehr sein. Der deutschsprachige Raum hat eine andere Tradition bei der Zerlegung des Wissens in Stichwortgut. Die längeren Übersichtsartikel werden bei uns weit mehr als in der angloamerikanischen Lexikontradition von Einzelstichwörtern begleitet. Wer sich durch die Britannica informiert, erfährt außerdem deutlich weniger über unseren Kulturraum. Bei aller Internationalität einer Enzyklopädie ist der Nachschlagebedarf der Leser zu einem hohen Maß an deren Erfahrungsraum orientiert.
bdw: Auf welche Weise überzeugt sich die Brockhaus-Redaktion, dass ein Begriff neu aufgenommen werden soll?
Zwahr: Ein Informationsstrang ist der Fachredakteur, der viele Medien auswertet – auch bild der wissenschaft. Der zweite Strang sind Gespräche mit Autoren, die uns auf wichtige neue Termini hinweisen. Auf diesem Weg fanden etwa die Begriffe „Nachhaltige Entwicklung” und „Globalisierung” den Weg in die 20. Auflage. Dritter Strang sind intensive Gespräche in der Redaktion, die dazu führen, dass neue Begriffe für die Enzyklopädie gefunden werden. So haben wir den Begriff „Klonen” bereits zu einem frühen Stadium dokumentiert – weit vor der Zeit, als die breite Öffentlichkeit erkannte, dass er eine große wissenschaftliche Bedeutung bekommt. Ehe ein solcher Begriff die Brockhausreife erlangt, verfolgen wir dessen Bedeutung durch Medienanalysen oder über Gespräche mit unseren Autoren.
bdw: Welche personellen Strukturen haben Sie geschaffen, um Informationen zu verarbeiten?
Zwahr: Zunächst einmal haben wir für die neue Auflage bereits mehr als 500 Autoren verpflichtet und mit weiteren 200 bis 300 werden wir noch Verträge schließen. Weiterhin haben wir für die 21. Auflage unsere Redaktion um 28 Stellen aufgestockt, die wir mit sehr kompetenten Wissenschaftlern besetzen konnten – mit besten Kontakten zur aktuellen Forschung. Wo vorher eine Person für die Fachgebiete Physik, Mathematik, Astronomie und Elektronik zuständig war, teilen sich diese Aufgabe jetzt zwei.
bdw: Gute Kontakte der Redaktion zur Wissenschaft ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die Fähigkeit, kurz, prägnant und allgemein verständlich zu formulieren.
Zwahr: Deshalb beschäftigen wir neben 40 Fachredakteuren auch 10 Schlussredakteure. Und natürlich werden neue Fachredakteure von ihren Kollegen gründlich eingearbeitet.
bdw: Welche Rolle spielt die Bebilderung beim neuen Brockhaus?
Zwahr: Viele Fotos und Grafiken der 19. Auflage wirken heute etwas antiquiert. Das heißt für uns: Neues Material zu beschaffen, das den Anforderungen der Zeit entspricht. Allerdings reicht Ästhetik allein für eine Brockhaus-Enzyklopädie nicht aus, sondern alle unsere Bilder müssen einen spezifischen Informationswert haben. In den vergangenen drei Jahren hat der Verlag eine völlig neue elektronische Bilddatenbank aufgebaut, die uns viel Geld gekostet hat. Viel Geld verschlingen heute auch die Bildrechte. Ich kann Ihnen verraten, dass die Ausgaben für unser Bildmaterial inzwischen höher liegen als die Ausgaben für die Texte.
bdw: Welche Zielgruppen haben Sie für die neue Enzyklopädie ausgemacht?
Zwahr: Bei kleinen und mittleren Lexika zeigt sich auch für uns überraschend, dass unsere Käufer etwa gleichmäßig über alle Generationen und Ausbildungsabschlüsse verteilt sind. Auch zwischen männlichen und weiblichen Kunden erkennen wir kaum einen Unterschied. Was die Enzyklopädie angeht, ist die Analyse noch nicht abgeschlossen.
bdw: Verraten Sie uns noch etwas über Erscheinungsrhythmus und Kosten der neuen Enzyklopädie?
Zwahr: Wie es aussieht, werden die 30 Bände in Sechser-Tranchen ab Herbst 2005 erscheinen. Ende 2006 soll das ganze Werk vorliegen, und es wird sich erheblich von bisherigen Lexika unterscheiden. Beispiel eins: Wir werden den afrikanische Kontinent, der überall zu kurz kommt, ähnlich opulent würdigen wie Europa oder Amerika. Beispiel zwei: Wir werden Inhalte, die sich auf die Freizeit beziehen, deutlich stärker berücksichtigen als je zuvor. So werden wir unter „Bergsteigen” sehr viel mehr anbieten als in der 20. Auflage. Darüber hinaus wird es innovative inhaltliche Elemente geben, die bisher in keiner Enzyklopädie enthalten waren.
bdw: Geht das über eine CD-ROM hinaus?
Zwahr: Lassen Sie sich überraschen.
bdw: Wie steht es mit dem Update des neuen Brockhaus?
Zwahr: Natürlich werden wir eine stets aktualisierte kopiergeschützte CD-ROM-Version anbieten.
bdw: Die flotte Erscheinungsweise zieht eine flotte Zahlungsweise nach sich. Wer die 21. Auflage ordert, muss in einem Jahr viel Geld berappen. Und das bei der gegenwärtigen Finanzklemme privater und öffentlicher Haushalte!
Zwahr: Wir werden Vertriebskonzepte für jeden Geldbeutel anbieten. Neben der üblichen Subskription könnten das auch Zahlungsvereinbarungen sein, die über einen deutlich längeren Zeitraum laufen als die Herausgabe des Werks. Auch hier dürfen die Kunden gespannt sein.
Dr. Annette Zwahr
ist Geschäftsführerin und Chefredakteurin der Brockhaus Enzyklopädie in Leipzig. Die promovierte Historikerin leitet eine zur F.A. Brockhaus GmbH gehörende Redaktion von 60 Fach-, Schluss- und Bildredakteuren, die derzeit an einem völlig neuartigen 30-bändigen Lexikon arbeiten. Diese Enzyklopädie wird die 21. Neubearbeitung jenes Werkes sein, das 1809 bis 1811 erstmals unter dem Namen Conversations-Lexikon von Friedrich Arnold Brockhaus (im Foto als Büste) im 1805 gegründeten Verlag herausgegeben wurde. Annette Zwahr arbeitet in der Leipziger Brockhausredaktion seit 1993, als diese mit dem Bibliogaphischen Institut Leipzig zusammengeführt wurde. ■
Das Gespräch führte Wolfgang Hess
Ohne Titel
„Niemand versteht die Quantentheorie”, sagte einmal Richard Feynman, der für seine Beiträge zur Quantenphysik sogar den Nobelpreis bekam. Ingrid Schröder, Redakteurin für Physik und Astronomie bei Brockhaus Enzyklopädie in der Leipziger Querstraße, findet dieses Bonmot zwar gut, kann sich mit ihm aber nicht zufrieden geben. Denn sie muss den Begriff „Quantenphysik” so aufbereiten, dass alle Enzyklopädie-Nutzer von A wie Anlagenbauer bis Z wie Zahnarzt einen Eindruck bekommen, was sich hinter ihm verbirgt. „Wir sind sehr bemüht, Artikel zur Quantentheorie, Quantenmechanik, Quantenfeldtheorie oder Quanteninformatik so zu gestalten, dass auch ein Leser, der nicht Physik studiert hat, weitgehend folgen kann. Dennoch wird er die Inhalte sicher nicht vollkommen verstehen, weil ein Lexikon die Grundlagen eines Studiums nicht ersetzen kann.”
„Schwarze Löcher” den Lesern nahe zu bringen, ist für die langjährige Brockhaus-Redakteurin schon wesentlich einfacher. „ Zwar kann man da auch sehr speziell werden, doch was den Überblick angeht, lässt sich das Thema so darlegen, dass jeder in hohem Maße mitkommt.”
Umfassende Stichwortbegriffe oder Überblicksartikel vergibt Schröder wie alle ihre Kolleginnen und Kollegen an externe Experten. Gerne auch an große Namen in der Wissenschaft, „doch da haben wir oft das Problem, dass diese Leute sehr beschäftigt sind und Schwierigkeiten haben, ihre Texte pünktlich abzugeben”. Wer aber einmal zugesagt hat, liefert auch termingetreu, sagt Schröder. „Ich wurde noch nie von einem Autor versetzt.”
Doch bei weitem nicht alle Brockhaus-Artikel über Physik und Astronomie werden von externen Autoren geschrieben. „Häufig ist es so, dass man selber Artikel vorbereitet und diese dann den Autoren zum sachlichen Durchsehen gibt.” Dieses Vorgehen spart viel Zeit. Denn ein Lexikon ist nach einem strengen System aufgebaut, das die Autoren weit weniger verinnerlicht haben als die fest angestellten Redakteure. „Autoren schreiben oft viel zu viel, legen neue Begriffe an oder sind mit dem Verweissystem nicht vertraut.”
Etwa 7000 Begriffe trägt Schröder zur Enzyklopädie bei, die gerade entsteht. Ob ein Begriff aufgenommen wird oder nicht und wie umfangreich er abgehandelt wird, steht in erster Linie im Ermessen des jeweiligen Fachredakteurs. „Über die großen Schlüsselbegriffe wird dagegen in Redaktionskonferenzen entschieden”, ver- rät die 45-Jährige.
Nach dem Physikstudium an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und einem kurzem Engagement an der damaligen Technischen Hochschule Leipzig kam Schröder, die schon immer ein Faible für das Schreiben hatte, 1989 in den Verlag VEB Bibliographisches Institut. An ihrer heutigen Arbeit schätzt sie vor allem das große Maß an Freiheit. „Das beginnt mit der Freiheit des Recherchierens – damit, dass wir jede Information einsehen können.” Das war in der DDR unmöglich. Auch die jetzige flache Hierarchie war zu DDR-Zeiten undenkbar. „Damals gab es eine sehr, sehr strenge Arbeitsorganisation von oben nach unten. Mitbestimmung und -entscheidung waren nicht unbedingt gewollt.” wh





