Beim Treppensteigen kommt man schnell aus der Puste. Später wird die Luft schon bei einem kurzen Spaziergang knapp. Die Diagnose: fortschreitende Herzmuskelschwäche. Im Endstadium hilft oft nur noch eine Herztransplantation. Doch Berliner Wissenschaftler und Mediziner haben jetzt einen Weg gefunden, wie sich das Organ dank einer neuartigen Blutwäsche retten lässt. Über 100 Patienten wurden bereits erfolgreich behandelt.
Mehr als 280000 Deutsche leiden an dieser Krankheit, bei der die Pumpleistung des Herzens aus bislang ungeklärten Gründen stetig abnimmt. Als Folge vergrößert sich das Organ, um den Körper weiterhin mit sauerstoffreichem Blut versorgen zu können. Aber das gelingt nur im Anfangsstadium. Später stirbt selbst bei optimaler medikamentöser Behandlung innerhalb von zwölf Monaten einer von zehn Patienten.
Gerd Wallukat vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin hat jetzt eine mögliche Ursache für den mysteriösen Leistungsverlust des Herzen gefunden. Bei etwa 80 Prozent der von ihm untersuchten Patienten entdeckte er Antikörper im Blut, die den eigenen Herzmuskel angreifen: „Das beweist zwar noch nicht eindeutig, dass die Antikörper tatsächlich die Herzmuskelschwäche auslösen. Aber unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sie zumindest eine wichtige Rolle spielen.”
Was das Immunsystem dazu veranlasst, das eigene Herz zu schwächen, ist bislang rätselhaft. Die Ärzte wissen nur, dass sich die Antikörper gegen den so genannten beta-1-adrenergen Rezeptor richten, der auf den Zellen des Herzmuskels sitzt. Mit seiner Hilfe regulieren die Hormone Noradrenalin und Adrenalin Puls und Schlagkraft des Herzens. Er ist auch der pharmakologische Angriffspunkt von Betablockern, einer wichtigen Medikamentengruppe, mit denen sich die Pumpleistung drosseln lässt. Gerd Wallukats Hypothese über die Ursache der Herzmuskelschwäche: „Die Antikörper aktivieren den Rezeptor ständig und beeinflussen dadurch den Energiestoffwechsel und die Kontraktionskraft der Muskelzellen. Die Folge: Sie schädigen das Herz durch ständige Überlastung.”
Am Deutschen Herzzentrum in Berlin werden die Forschungen von Gerd Wallukat bereits klinisch genutzt. Die Mediziner filtern dort die Antikörper per Blutwäsche aus dem Körper heraus. Die Behandlung erfolgt an fünf Tagen innerhalb einer Woche. „67 Prozent der Patienten können wir damit helfen, bei Kranken unter 45 Jahren profitieren sogar 88 Prozent von der Behandlung. Eine wirkliche Heilung können wir allerdings nicht erreichen”, sagt Gerd Wallukat. Immerhin: In einer Pilotstudie mit acht Patienten steigerte sich die Pumpleistung innerhalb eines Jahres um nahezu 30 Prozent, das krankhaft gestiegene Herzvolumen ging zurück, und die Herzwand wurde elastischer. Insgesamt verbesserte sich nach Angaben von Gerd Wallukat die Lebensqualität nach der Blutwäsche erheblich. Bei vielen der behandelten Patienten ließ sich eine kurz bevorstehende Herztransplantation mit der Therapie abwenden. Mit 20000 bis 25000 Euro ist die Blutwäsche zudem wesentlich günstiger als eine Transplantation, die mit mindestens 125000 Euro zu Buche schlägt.
Dr. Ulrich Fricke




