Das Skurrile im Blut sehen – das ist das Hobby von Nivaldo Medeiros. Die verblüffenden Zellbilder des brasilianischen Pathologen haben in bild der wissenschaft Weltpremiere.
Es gibt Leute, die sammeln Briefmarken, Münzen oder Gemälde. Nivaldo Medeiros hat es auf Pudel, Perlenketten, Motten, Fragezeichen, Champignons, Micky-Mäuse und Männer mit großen Köpfen abgesehen. Damit aber nicht genug: Seine scheinbar wahllos zusammengewürfelten Sammelobjekte findet Medeiros vor allem in dem einen, ganz besonderen Saft: dem menschlichen Blut. Dr. Nivaldo Medeiros ist Pathologe, und die Motten, Mäuse und Menschen sind ungewöhnlich geformte Blutkörperchen und Blutplättchen oder Blut bildende Zellen aus dem Knochenmark.
Die Sammelleidenschaft für Zellen, die irgendwelchen Dingen oder Lebewesen ähneln, hat Nivaldo Medeiros vor 30 Jahren von seinem wissenschaftlichen Lehrer geerbt. „Es dauerte einige Zeit, bis ich meine erste Entdeckung machte. Es war ein Erythrozyt, der aussah wie ein Hantelgewicht” , erinnert sich Medeiros. Inzwischen umfasst seine Sammlung etwa 320 verschiedene skurrile Zellbilder.
Von 1970 bis 1996 arbeitete der heute 56-Jährige an der School of Medicine der Universität von São Paulo und ab 1983 auch am dortigen Hospital do Cancer. Das Universitätskrankenhaus ist das größte in ganz Lateinamerika. Beide Einrichtungen zusammengenommen erstellen täglich etwa 1000 Blutbilder.
Während der acht bis zehn Stunden, die er täglich am Mikroskop saß, beherzigte Medeiros die Empfehlung seines Lehrers, Blutproben immer mit einem „etwas anderen Auge” zu sehen. So begann er auf den zahlreichen Objektträgern, die Tag für Tag unter seinem Mikroskop hindurch liefen, Tiere, Gegenstände und Figuren zu erkennen. Bald wurde daraus ein Hobby, das ihn bis heute gefangen nimmt.
Die „zellulären Ähnlichkeiten”, wie Medeiros sie nennt, haben keinerlei medizinische oder diagnostische Bedeutung und kommen bei gesunden und kranken Menschen gleichermaßen vor. Sie sind unabhängig von Alter, Geschlecht und Hautfarbe des Blutspenders. Unter dem Mikroskop von Nivaldo Medeiros tauchten die unterschiedlichsten Bilder auf – darunter Laborratten, Engel, Diamantringe, Hummer und Herzen, aber auch eine Pizza, Aladins Wunderlampe, Zahlen und Buchstaben. „Ich habe nur einen einzigen Dinosaurier und einen Fußballspieler”, berichtet der Brasilianer, „aber drei oder vier Bilder der Buchstaben C, S und V und ebenso viele Bilder der Zahlen 1, 6 und 8.” Sein Lieblingsmotiv? Hier kann er sich nicht entscheiden, aber der Fußballspieler und der Pudel gefallen ihm besonders gut.
Inzwischen hat Nivaldo Medeiros Brasilien verlassen und sich in Kalifornien angesiedelt, wo vier seiner fünf Kinder leben. Auch hier will er als Pathologe in der Forschung oder in der Industrie arbeiten und für viele weitere Jahre seinem „blutigen Hobby” nachgehen: der Jagd nach dem Ungewöhnlichen im roten Saft.
Renée Dillinger




