Intranets revolutionieren die Unternehmenskommunikation. „Intranet” ist kein Druckfehler, sondern die Bezeichnung für firmeninterne Computernetze, die auf Internet-Technologie basieren. Sie erlauben nicht nur schnellen und kostengünstigen Informationsaustausch, sondern stehen für eine neue Unternehmenskultur.
Wenn Erich Glaeser, Marketing-Chef beim Computer-Hersteller Silicon-Graphics (SGI), morgens in sein Münchener Büro kommt, gilt sein erster Blick dem Computer: Der aktuelle Kurs der SGI- Aktie, die neuen Umsatzzahlen, E-Mails von Kollegen – Routine für den computerversierten Manager von heute. Doch die Workstation auf Glaesers Schreibtisch kann mehr, als nur E-Mails empfangen und Datenbanken durchforsten. Der Rechner ist Teil des SGI-Intranets, eines firmeninternen Computernetzes, das bereits 9000 der weltweit 11000 Mitarbeiter des Herstellers von Supercomputern und Grafik-Workstations verbindet. Das Intranet basiert vollständig auf der Technologie des World Wide Web, dem multimedialen Standard des Internet. Einziger Unterschied: Ins Internet kann jeder, ins Intranet nur Mitarbeiter der Firma. “In unserem Intranet ist das Gesamtwissen der Firma abgebildet”, betont Glaeser.
Das ist nicht übertrieben: Was Mitarbeiter anderer Firmen mit Hilfe von Papier oder in Meetings machen, erledigen die Angestellten von Silicon Graphics über das Intranet. Einige Beispiele:
Jeder Mitarbeiter besitzt eine eigene Homepage, wo er Text-, Bild- und Audio-Informationen über seine Arbeit ablegen und jedem zugänglich machen kann.
Elektronische Post besteht nicht nur aus rohem Text, sondern kann “Webjumper” enthalten: Verzweigungen, die den Empfänger zu einer bestimmten Web-Seite des Absenders führen.
Aus Datenbanken lassen sich Raumbelegungspläne abrufen und Räume buchen, Namen und Mail-Adressen aller Angstellten recherchieren, Dienstreisen beantragen und abrechnen, Büromaterial bestellen oder einfach nur der Speiseplan der Firmenzentrale in Mountain View, Kalifornien, ansehen.
Dabei ist die Einarbeitungszeit denkbar gering: Etwa fünf Minuten dauere es, so Erich Glaeser, dann könne ein neuer Kollege seine eigene Homepage erstellen und die Dienste des SGI-Intranets nutzen. Firmenschätzungen besagen, daß jährlich über 100000 Mark für die Schulung neuer Mitarbeiter gespart wird. Der Verzicht auf Papier – bei SGI gibt es keine gedruckten Telefonbücher oder Preislisten mehr – spart sogar 630000 Mark im Jahr.
Doch die Ersparnis ist nur ein angenehmer Nebeneffekt des Firmennetzes: “Die Kommunikation bei Silicon Graphics ist extrem schnell”, sagt Erich Glaeser. “Jeder kann sich alle Informationen beschaffen, die er braucht. Das erzeugt flache Hier-archien und eine neue Unternehmenskultur.”
Daß man sich zwar ein Intranet kaufen kann, die neue Unternehmenskultur aber nicht automatisch im Preis inbegriffen ist, zeigen einige Negativ-Beispiele des boomenden Intranet-Marktes. Manche Geschäftsführer verstehen das interne Netz zuallererst als Verlautbarungsinstrument der Firmenleitung. Das Einspeisen von Informationen ist nur einem ausgewählten Kreis erlaubt – er bestimmt, was die Mitarbeiter abrufen können. Vom basisdemokratischen Ansatz, der im Internet schon lange und in einigen Intranets – wie dem von Silicon Graphics – seit kurzem für frischen Wind sorgt, fehlt dann jede Spur.
Wie stark die Intranet-Welle inzwischen geworden ist, machen folgende Zahlen deutlich: Nach Berechnungen des Marktforschungsinstituts Forrester Re-search haben zwei Drittel aller amerikanischen Firmen ein Intranet oder planen seine Installation. Ähnlich in Deutschland: Einer Umfrage der Zeitschrift Computerwoche zufolge, haben von 445 befragten Firmen 70 Prozent ein Intranet installiert oder geplant. So besitzt BMW seit einigen Monaten ein Intranet, auf das auch Außendienst-Mitarbeiter Zugriff haben. Beim neuen Pharmariesen Novartis, in dem derzeit die Firmen Sandoz und Ciba Geigy verschmelzen, soll das Intranet Kommunikationshürden abbauen helfen, die durch die neue Struktur entstehen.
Den Computer-Herstellern stehen goldene Zeiten bevor: Marktforscher von IDC haben errechnet, daß 1996 rund 200000 Intranet-Server installiert sein werden – 2,5mal mehr als im Internet. Im Jahr 2000 werden es vermutlich 4,5 Millionen Rechner sein – zehnmal mehr als im Internet. Für 1998 rechnen die Marktforscher mit einem Umsatz von 12 Milliarden Mark bei Intranet-Servern.
Der Boom nutzt vor allem den Software-Anbietern: Fast alle Hersteller von Büro- und Unternehmens-Software strikken ihre Programme auf Web-Technologie um. Selbst das Unternehmen Microsoft, das bis vor kurzem versuchte, eigene Software-Standards im Markt zu verwirklichen, setzt inzwischen auf die bewährte Technologie von Internet und World Wide Web. Dabei widerfuhr Microsoft-Chef Bill Gates dasselbe Schicksal, das ihn schon im Internet-Markt ereilte. Als der Hase Microsoft seinen Haken zum Internet schlug, war der Igel Netscape schon da. Erst vor zwei Jahren gegründet, hat Netscape – nach großen Erfolgen im Internet-Software-Markt – sein Augenmerk nun auf den lukrativeren Intranet-Markt gerichtet, wo man eine Palette von Intranet-Software anbietet. Suitespot, die Basis-Lösung für ein kleines Intranet mit fünf Arbeitsplätzen, ist schon für 6000 Mark zu haben. Die Navigations-Software, die sogenannten Browser, gibt es gratis.
Auf seiner Homepage im Internet bietet Netscape inzwischen 20 Programme an, die man kostenlos herunterladen und in einem Intranet nutzen kann, darunter Module für die Reisekostenabrechnung, Jobbörsen und Kundenverwaltung.
Kaum hat das Intranet seinen Siegeszug begonnen, kommt auch schon die nächste Neuerung: Extranet, eine Verbindung zwischen Intranet und Internet, soll für eine bessere Kommunikation zwischen mehreren Intranets sorgen, zum Beispiel zwischen Zulieferern, Herstellern, Vertrieb, Einzelhandel und Endkunden. Wie der Extranet-Gedanke umgesetzt werden kann, demonstriert der amerikanische Postriese Federal Express. Dort ist ein Intranet installiert, das den momentanen Ort jedes Briefes kennt, der über FedEx verschickt wird. Will ein Kunde nach einem Brief forschen, mußte er früher in der Zentrale bei einem der Kundendienst-Mitarbeiter anrufen, der dann im Intranet recherchierte. Heute erledigt das der Kunde selbst vom Internet aus über einen Zugang zum FedEx-Intranet. Ersparnis laut Federal Express: rund 15 Millionen Mark im Jahr.
Wie funktioniert ein Intranet?
Wer das World Wide Web im Internet kennt, findet sich auch in einem Intranet zurecht. Alle Aktionen, zum Beispiel das Abschicken einer E-Mail, das Abrufen der Telefonliste oder das Erstellen einer persönlichen Seite, lassen sich per Mouse-Klick in einem Browser steuern. Verzweigungen zu anderen Seiten, sogenannte Hyperlinks, sind wie im Internet farbig hervorgehoben.
Das Rückgrat eines Intranet sind die Server (leistungsstarke Computer auf denen alle abrufbaren Informationen lagern) sowie die Clients (die Rechner am Arbeitsplatz), auf denen der Browser läuft.
In Zukunft werden die Clients mehr und mehr die Aufgabe von Servern übernehmen, so daß jeder Mitarbeiter Informationen ins Netz speisen kann. Untereinander kommunizieren die Rechner über ein schnelles Kabelnetz nach dem Internet-Standard TCP/IP (Transmission Control Protocol/Internet Protocol). Er legt fest, auf welchem Weg die zu übertragenden Informationen – zu kleinen Datenpaketen geschnürt – von einem Rechner zum anderen übermittelt werden. Wichtiger Vorteil von TCP/IP: Es integriert die fast unüberschaubare Vielfalt von Rechnern, Betriebssystemen und Datenbanken unter einem Dach.
Die Dokumente im Intranet werden wie im Internet in HTML (Hypertext Markup Language) erstellt. Diese Programmiersprache legt die Seitengestaltung und die Funktion der Hyperlinks fest. In einem modernen Intranet wie bei Silicon Graphics benötigen die Mitarbeiter keine HTML-Kenntnisse mehr – nur wenige Mouse-Klicks sind notwendig, um eine neue Seite zu kreieren, den Rest erledigt die Software.
Hauptproblem bei allen Intranets mit Übergang zum Internet: Das interne Netz muß vor unbefugten Zugriffen von außen geschützt werden. Das leisten sogenannte “Firewalls” – Rechner, die als Barriere zwischen Intra- und Internet geschaltet sind und durch Paßwörter vor Angriffen von Hackern schützen.
Bernd Müller





