Sein Krebsleiden war der Auslöser für Jon Huntsman senior, 150 Millionen Dollar in ein medizinisches Forschungsinstitut zu investieren. Der Milliardär und Chef des gleichnamigen Chemiekonzerns in Salt Lake City gehört zur wachsenden Zahl von Wohltätern, die glauben, mit massivem Kapitaleinsatz eher zu Ergebnissen zu kommen als die öffentlich geförderte Forschung.
Der sechzigjährige Huntsman ist es gewohnt, sich zu kaufen, was er haben will – ob es Firmen, Flugzeuge oder Ferieninseln sind. Zielstrebig ging er unter den besten Köpfen der Krebsforschung auf Einkaufstour. Und wenn ein Wunschkandidat überzeugt werden sollte, in die Mormonenstadt umzusiedeln, wurde er schon mal mit dem privaten Jet eingeflogen.
Die kalkulierte Großzügigkeit hat offenbar gewirkt. Am 1995 gegründeten Huntsman Cancer Institute forschen inzwischen an die 200 Mitarbeiter. Als Teamleiter gewann der Industrielle den Genetiker Ray White von der University of Utah. White hat sich mit der Suche nach Krankheitsgenen anhand der gut dokumentierten Mormonen-Stammbäume einen Namen gemacht.
Auch andere Superreiche trennen sich von ihrem Überfluß. Doch anders als frühere Mäzene wie beispielsweise Howard Hughes setzen die Big Spenders ihr Geld heute gezielt ein.
Wallstreet-Millionär und Pro-statakrebs-Patient Michael Milken aus Santa Monica spendete 25 Millionen Dollar für ein Konsortium zur Erforschung dieser Krebsart. Geleitet wird das Konsortium von Leroy Hood an der University of Washington. Der rührige Gentechniker berät auch den Finanzier James Stowers in Kansas City: Der ehemalige Krebspatient will in seiner Heimatstadt mit 300 Millionen Dollar ein Krebsforschungszentrum aufbauen.
Als Anfang der achtziger Jahre der erste moderne Medizin-Mäzen, der Industrielle Edwin Whitehead, 125 Millionen Dollar für die biomedizinische Forschung spenden wollte, wurde seine Großzügigkeit mit Argwohn begrüßt. Erst nach jahrelangem Gerangel entstand das Whitehead Institute, in enger Assoziation mit dem renommierten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston. Heute zählt das Institut zu den führenden Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der molekularen Genetik.
Offenbar ließ Huntsman sich von Whiteheads Beispiel inspirieren. So suchte auch sein Institut die enge Assoziation mit einer Universität, der University of Utah, wo Institutsmitglieder heute Lehraufträge haben. Für 50 Millionen Dollar errichtete der Konzernherr sein persönliches Institutsgebäude – direkt neben der Universitätsklinik.
Weil die öffentlichen Mittel stagnieren, sind Spenden willkommen. Doch mit Finanzier und Forscher prallen manchmal sehr unterschiedliche Interessen und Gedankenwelten aufeinander, warnt NIH-Direktor Harold Varmus: “Einzelne Mäzene neigen dazu, ausgefallene Ideen zu fördern, die vor einem unabhängigen Forschergremium nicht bestehen würden. Und die angeheuerten Wissenschaftler laufen Gefahr, ihrem reichen Gönner vor allem das zu sagen, was er hören will.”
In seinem wöchentlichen Report versucht Ray White seinem Mäzen klarzumachen, daß wissenschaftliche Erkenntnis meist langsamer wächst als ein Geschäftsportfolio. Doch die Ungeduld des erfolgsgewohnten Firmenchefs ist stets spürbar.
Huntsmans Krebserkrankung ist zwar zum Stillstand gekommen. Doch er geht nicht davon ab, Krebs in den nächsten 20 Jahren ausrotten zu wollen. Dafür läßt er seinen Wissenschaftlern die Freiheit, ungewöhnliche Wege einzuschlagen und versucht, sie mit Einladungen auf seine Jacht auf dem Lake Powell und in seine Jagdhütte in Alaska anzuspornen – und mit der Zusage weiterer Mittel, zusätzlich zu den bislang freigegebenen 100 Millionen Dollar. Bedingung: Durchbrüche oder patentierbare Therapien.
Hughes: Der scheue Millionär Howard Hughes gründete 1953 ein Institut für medizinische Grundlagenforschung. Jedes Jahr schüttet das Institut mit Sitz in Chevy Chase, US-Bundesstaat Maryland, 3,5 Prozent seines Stiftungskapitals von inzwischen 11 Milliarden Dollar aus. Besonders begehrt sind fünf- bis siebenjährige Stipendien, die an junge Forscher vergeben werden.
Spenden:
Seit 1991 haben private Spenden für medizinische Forschung in den USA um 40 Prozent zugenommen. Nach Angaben der American Association of Fund Raising/ Council Trust for Philanthropy in New York beliefen sich die Spenden im Jahr 1996 auf 13,9 Milliarden Dollar.
NIH:
Die National Institutes of Health umfassen einen Campus mit zwei Dutzend Forschungseinrichtungen in Bethesda, US-Bundesstaat Maryland. Die jährlichen Zuteilungen vom US-Kongreß betrugen im Haushaltsjahr 1998 13,8 Milliarden Dollar. Mit 80 Prozent dieser Summe werden Forschungsanträge aus dem ganzen Land finanziert, wobei drei Viertel der Antragsteller leer ausgehen.
Infos im Internet
Howard Hughes Medical Institute (HHMI): http://www.hhmi.org/
National Institutes of Health: http://www.nih.gov
Bruni Kobbe




