1971 mußten Psychologen der kalifornischen Stanford University ein Verhaltensexperiment abbrechen. Der Versuch, ein Gefängnis zu simulieren, drohte zu eskalieren. Jetzt kommt „Das Experiment” als deutsche Filmproduktion in die Kinos.
Herbst 1971: Junge Männer in khakifarbenen Uniformen, die Augen hinter Sonnenbrillen verborgen, treiben ein paar Menschen durch einen Gang. Die Opfer tragen nur formlose Hemdchen. An ihren nackten Beinen hängen Ketten, die sie aneinander fesseln. Über ihre Köpfe sind braune Papiertüten gestülpt. Der Ort des Geschehens: die amerikanische Stanford University in Palo Alto, Kalifornien. Ein Psychologen-Team um Prof. Philip Zimbardo will hier herausfinden, wie Menschen reagieren, wenn sie sich in Täter- und Opferpositionen befinden. Sie wollen damit klären, warum ein Mensch wie Adolf Eichmann zugleich liebevoller Familienvater und sadistischer Massenmörder sein konnte. Die nächsten fünf Tage werden Erschreckendes über das menschliche Verhalten offenbaren. Das „Stanford-Gefängnis-Experiment” wird zu einem klassischen Versuch der Sozialpsychologie. Jetzt kommt es als deutscher Spielfilm in die Kinos. Regisseur Oliver Hirschbiegel und Autor Mario Giordano haben die Handlung ins heutige Deutschland gelegt. Zimbardo wurde durch die Versuche seines Kollegen Stanley Milgram von der Yale University inspiriert. Dieser hatte bei mehreren Verhaltensexperimenten in den sechziger Jahren gezeigt, daß zwei Drittel aller Versuchspersonen einen anderen Menschen mit Stromstößen töten würden, wenn nur eine Autoritätsperson bestätigt, daß es so in Ordnung ist.
Die Teilnahme am Stanforder Psycho-Projekt war natürlich freiwillig. Die Psychologen suchten mit Kleinanzeigen nach Studenten, die bereit waren, für 15 Dollar am Tag zwei Wochen lang an einem Dauerexperiment teilzunehmen. Nach ausgiebigen Psychotests wählten sie zwei Dutzend junge Männer aus: College-Studenten von gutbürgerlicher Herkunft, gesund und in jeder Hinsicht durchschnittlich. Per Zufall ordneten die Forscher den Teilnehmern eine Rolle zu. Die einen wurden Gefängniswärter und die anderen Gefangene. Sie erfuhren, daß es in der Simulation darum ginge, die psychischen Folgen eines Gefängnisaufenthaltes für Gefangene und Wärter zu studieren. Um die Situation realistisch zu gestalten, hatten die Psychologen einen kleinen Gefängnistrakt mit Zellen im Keller der Universität anlegen lassen. Die Gefangenen mußten sich nackt ausziehen, wurden mit Sprays entlaust und bekamen nichts weiter zum Anziehen als ein Hemd mit einer Nummer darauf. Über ihre Haare mußten sie einen Damenstrumpf ziehen. Entmenschlichung und Deindividualisierung nennen die Psychologen solche Maßnahmen, die so ähnlich in vielen Gefängnissen und Armeen der Welt üblich sind.
Ganz anders die Situation der Wärter: Sie bekamen Uniformen und die damals polizeitypischen verspiegelten Sonnenbrillen. Ihre Aufgabe: die Gefangenen einsperren und zwei Wochen lang für Ruhe und Ordnung sorgen. Sie durften aber keine Gewalt anwenden. Zur großen Überraschung der Forscher nahmen Gefangene und Wächter ihre Rollen sehr viel ernster als erwartet. Schon nach eineinhalb Tagen kam es zu ersten Auseinandersetzungen. Die Eingesperrten holten sich ihre Individualität zurück: Sie rissen sich die Strümpfe vom Kopf und die Nummern von ihren Hemdchen. Dann verbarrikadierten sie sich in ihren Zellen.
Alle Wachen waren sehr besorgt. Obwohl viele von ihnen keinen „ Dienst” hatten, blieben sie zusammen im Gefängnis und beschlossen, Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Sie nahmen Feuerlöscher und „schossen” sich mit dem eiskalten Kohlendioxidschaum den Weg in die Zellen frei. Sie zwangen die Gefangenen, sich nackt auszuziehen und ließen sie ohne Decken und Betten zurück. Die Anführer der Rebellen sperrten sie in Einzelhaft. Mit Psychotricks versuchten die Wärter von da an jede weitere Rebellion zu unterbinden. Sie unterteilten die Gefangenen in „gut” und „böse”. Die einen bekamen gutes Essen, die anderen wurden mit Zwangsliegestützen bestraft oder sogar nachts gequält, wenn die Wärter glaubten, daß die Psychologen nicht zuschauten. Währenddessen planten einige Gefangene einen Ausbruch, andere brachen unter der Belastung zusammen.
Rückblickend ist Philip Zimbardo nicht nur von der Reaktion der Studenten überrascht, sondern auch von seiner eigenen und der seiner Kollegen. Sie hatten für das Experiment die Rolle der Gefängnisleitung übernommen und reagierten entsprechend. „ Eigentlich hätten wir den Verlauf der Unruhen protokollieren müssen. Das ist die Rolle von experimentell arbeitenden Sozialpsychologen. Statt dessen haben wir uns Gedanken über die Sicherheit des Gefängnisses gemacht und mit den Wachen zusammen überlegt, wie man einen Ausbruch verhindern könnte.” In dieser Situation merkten die Wissenschaftler nicht mehr, welches Gewaltpotential sich in den Kellern der Universität zusammenbraute. Bis die junge Psychologiedozentin Christina Maslach ihren damaligen Freund und heutigen Ehemann Zimbardo im Uni-Gefängnis besuchte. Sie war an der Vorbereitung des Experiments überhaupt nicht beteiligt gewesen und betrachtete die Szenerie, ohne eine Funktion darin zu haben. Sie war entsetzt über das, was ihre Kollegen den jungen Männern antaten und machte Zimbardo so heftige Vorwürfe, daß er den Versuch abbrach.
Zimbardo hat aus dem Experiment gelernt: „Das Böse liegt nicht in den Genen bestimmter Menschen. Es sind die Umstände, die ganz gewöhnliche Menschen zu diesem Verhalten bringen.” Er ist deswegen entsetzt über das Geschehen in realen Gefängnissen. „ Wenn wir es in unserem simulierten Gefängnis geschafft haben, aus Mittelklasse-Studenten Gewalttäter zu machen, was richten dann erst reale Gefängnisse an.” Ähnliche Versuche über die Ursprünge des „Bösen” im Menschen sind seitdem nicht mehr gemacht worden. Keine Ethik-Kommission würde heute noch Versuche billigen, bei denen Menschen derartig erniedrigt werden. Zimbardo hat gemischte Gefühle, wenn er zurückblickt. „Wir müssen das Böse untersuchen, um es einzuschränken. Aber um es zu untersuchen, müssen wir Bedingungen schaffen, sich böse zu verhalten. Wissenschaftler wie ich haben sich schuldig gemacht, indem sie das Böse hervorgebracht haben – in der Hoffnung es zu verhindern”, meinte er in einem Interview.
Im deutschen Spielfilm „Das Experiment” spielen Edgar Selge und Andrea Sawatzki zwei Psychologen, die in ihrem Universitätskeller das gleiche Projekt planen, wie 1971 die kalifornischen Forscher. Ein Taxifahrer (Moritz Bleibtreu) bewirbt sich als Freiwilliger. Er wird einer der Gefangenen und versucht mit Witz und Widerstandswillen die Würde der Inhaftierten aufrechtzuhalten. „Das Experiment” ist kein Dokumentarspiel, sondern ein knallharter Thriller. Trotzdem ist die Verwandlung von harmlosen Familienvätern zu Gewalttätern und der psychische Verfall der Eingesperrten glaubhaft inszeniert. Die Filmcrew hat viele Details und Ereignisse des realen Versuchs mit in ihre Fiktion hineingenommen. Doch anders als in der Realität gibt es im Film keine besonnene Forscherin, die den Versuch abbricht. Auf der Kinoleinwand nimmt das Unheil seinen Lauf.
Thomas Willke




