bild der wissenschaft: Wie viele Touristen kommen in die Antarktis, Frau Landau?
Landau: Gemeinsam mit der National Science Foundation der USA erarbeite ich die jährliche Statistik für den Antarktis-Tourismus. Dabei unterscheiden wir zwischen Touristen, die längere Zeit an Land sind, und Touristen, die von Schiffen aus kurze Landausflüge von wenigen Stunden machen. In der Saison 2001/2002 kamen insgesamt etwas mehr als 13000 Touristen in die Gebiete südlich des 60. Breitengrades. In der Saison 2002/2003 brachten insgesamt 22 Schiffe Besucher in die Antarktis. Dazu kommen noch 10 bis 15 Segeljachten, die aber höchstens 12 Passagiere an Bord haben oder die Privatjachten sind.
bdw: Für eine größere Landfläche als Europa inmitten eines noch größeren Ozeangebietes scheint eine solche Zahl ziemlich unbedeutend.
Landau: Auf den riesigen Kontinent selbst kamen 2001/2002 ganze 159 Touristen für einen längeren Aufenthalt. Der große Rest landete an verschiedenen Stellen des antarktischen Raums für jeweils nur wenige Stunden an. Dazu kamen noch zwei große Kreuzfahrtschiffe, von denen allerdings niemand an Land ging und die daher das Ökosystem relativ wenig beeinflusst haben. Wir haben aber auch bei den Touristen, die an Land gingen, keinen nachweisbaren direkten Einfluss auf das Ökosystem festgestellt.
bdw: An welche Vorschriften müssen sich Touristen halten?
Landau: Der Antarktis-Vertrag erlaubt ausdrücklich den freien Zugang für jedermann auf diesen Kontinent und die Inseln im umgebenden Ozean. Die IAATO hat aber eine Reihe von Regeln aufgestellt, die für alle Mitglieder verpflichtend sind. So gibt es einen Leitfaden, der jedem einzelnen Touristen in die Hand gegeben wird. Dort sind alle Verhaltensweisen aufgelistet, die den Einfluss auf das Ökosystem so gering wie möglich halten. Für die Fahrer der Zodiac-Schlauchboote, mit denen die Besucher an Land gebracht werden, gibt es ebenfalls genaue Reglements. Jeder Veranstalter muss am Ende einer Saison einen exakten Reisebericht abgeben, in dem zum Beispiel steht, wie viele Passagiere an welche Landungspunkte zu welcher Uhrzeit gekommen sind. In bestimmten Regionen begleiten offizielle Beobachter die Schiffe, Kontrollgruppen des Antarktis-Vertrages inspizieren auch schon einmal ohne Vorankündigung Schiffe und Logbücher. Obendrein beobachten sich die Schiffe verschiedener Veranstalter gegenseitig. Wer die Vorschriften grob verletzt, dem kann beispielsweise das Umweltbundesamt die Genehmigung für Antarktis-Reisen verweigern. Ähnlich wachen in anderen Ländern Behörden und Organisationen über diese internationalen Regeln.
bdw: Wie sehen solche Regeln konkret aus?
Landau: Die Besucher müssen zum Beispiel einen Mindestabstand von fünf Metern zu Pinguinen einhalten, berühren darf man die Tiere auf gar keinen Fall. Wenn die Tiere ihr Verhalten ändern, muss der Besucher auf größere Distanz gehen, bis sie sich wieder beruhigen. Brütende Vögel reagieren zum Beispiel viel nervöser als Pinguine, die gerade zum Ufer laufen. Die Besucher müssen sich auch leise verhalten, dürfen nicht laut rufen und müssen sich langsam bewegen, um die Tiere nicht zu erschrecken. Seebären wiederum sind häufig aggressiv, da empfehlen wir einen Sicherheitsabstand von 15 Metern, damit die Besucher sich nicht selbst gefährden.
bdw: Akzeptieren die Besucher die Richtlinien?
Landau: Um die Übersicht zu behalten, geht ein Naturführer mit jeweils höchstens 20 Besuchern an Land. Gerade beim Fotografieren passiert es leicht, dass sich Einzelne den Tieren zu sehr nähern. Wenn der Naturführer die Leute darauf aufmerksam macht, gehen sie fast immer ohne zu zögern auf Minimaldistanz zurück. Vor einigen Jahren haben einige Touristen an Heiligabend einer Gruppe See-Elefanten „Jingle Bells” vorgesungen. Da ist es selbst mir schwer gefallen, die Besucher zu bitten, das Lied doch zu beenden.
bdw: Welche Gefahren sieht die IAATO für die Antarktis?
Landau: Wir hätten gerne alle Organisationen in der IAATO, deren Schiffe die Antarktis ansteuern. Denn nur dann verpflichten sie sich selbst, die vorhandenen Regeln einzuhalten. Leider gibt es ein Schiff mit 500 Passagieren, das seit einigen Jahren die Antarktis ansteuert, aber nicht der IAATO beitreten will. Besonders haben wir Schiffe im Auge, die zum ersten Mal in die Antarktis fahren und deren Besatzung sich daher nicht sehr gut auskennt.
bdw: Sollte man die Zahl der Touristen begrenzen?
Landau: Seit dem Jahrtausendwechsel 1999/2000 ist die Zahl der Touristen, die an Land gehen, leicht gesunken. In der gerade abgelaufenen Saison 2002/2003 gab es wieder einen schwachen Anstieg. Da Reisen in die Antarktis sehr teuer sind und normalerweise einige Tage An- und Abreisezeit kosten, gibt es wohl eine obere Grenze für die Zahl von Menschen, die sich das überhaupt leisten können. Allerdings versuchen wir den Einfluss auf das Ökosystem gering zu halten, indem wir die Schiffe ein wenig lenken: Große Schiffe mit vielen Passagieren, die an Land wollen, sollen in Zukunft nur noch an Stellen ankern, die relativ viele Besucher problemlos vertragen. Empfindlichere Gegenden dagegen dürfen nur noch von kleineren Schiffen angesteuert werden. Dort bekommt innerhalb eines bestimmten Zeitraums nur eine begrenzte Zahl von Schiffen die Erlaubnis anzulanden.
bdw: Hat sich das Ökosystem in 35 Jahren Antarktis-Tourismus irgendwie zu seinem Nachteil verändert?
Landau: Auch ohne den Einfluss des Menschen verändert sich die Natur. So beeinflusst das Nahrungsangebot oder die Größe der eisbedeckten Meeresflächen die Populationen erheblich stärker als der Tourismus. Es gibt zum Beispiel in der Nähe der amerikanischen Forschungsstation Palmer zwei kleine Inseln, von denen eine regelmäßig von Touristen besucht wird, die andere dagegen komplett gesperrt ist. Während die Zahl der Adélie-Pinguine auf dem gut frequentierten Eiland aber zunimmt, gibt es auf der unberührten Insel heute erheblich weniger Pinguine als früher. Natürlich verbessert Tourismus nicht den Bruterfolg, sondern auf der einen Insel hat sich das Mikroklima für die Tiere verschlechtert und auf der anderen verbessert.
bdw: Nach Meinung vieler Wissenschaftler hat die Fischerei einen erheblichen Einfluss auf den Bestand von Seevögeln und Pinguinen in der Antarktis. Muss sich die IAATO nicht für Fischereistopps engagieren?
Landau: Da gibt es sehr komplizierte Zusammenhänge, mit denen sich die Convention of the Conservation of Antarctic Marine Living Resources beschäftigt Diese Vereinigung von Wissenschaftlern trifft sich zwei Wochen im Jahr, um die neuesten Erkenntnisse aus Forschung und Wirtschaft zu diskutieren. Diese Organisation ist für solche Fragen kompetenter als die IAATO. Wir sollten beim Tourismus bleiben, von dem wir am meisten verstehen.
Das Gespräch führte Roland Knauer
Roland Knauer




