Für den Hochhausbau gelten in erdbebengefährdeten Regionen seit 1981 internationale Standards: Stahlbügel und -ringe in geringem Abstand müssen den Beton der tragenden Säulen stabilisieren. Bei einem Erdbeben bietet diese Bauweise einen wirksamen Schutz vor Einsturz, wie eine neue Analyse der Schäden im japanischen Kobe durch die amerikanische Organisation EQE (Earthquake engineering) zeigt: Nur ein Prozent der entsprechend konstruierten Gebäude mit sechs bis zwölf Stockwerken fiel in sich zusammen – sehr wenig angesichts der verheerenden Gesamtbilanz.
Innerhalb von 20 Sekunden hatte das Beben am 17. Januar 1995 um 5 Uhr 46 jedes fünfte Gebäude der Stadt Kobe zerstört. 4571 Menschen starben – die meisten wurden von einstürzenden Häusern erschlagen oder erstickten in den Trümmern. Verletzt wurden 14679 Menschen, etwa eine halbe Million wurde obdachlos.
Von den Hochhäusern, die zwischen 1971 und 1981 errichtet wurden, hielten ein Viertel dem Beben nicht stand. Sie waren zwar auch mit verstärkten Säulen gebaut, doch der Stahl war meist nicht engmaschig genug verteilt. Von den noch älteren, nicht stabilisierten Gebäuden stürzten 57 Prozent ein.
Nach dieser Bilanz besteht für die EQE-Experten großer Handlungsbedarf: “Überall auf der Welt stehen in erdbebengefährdeten Gebieten Hunderttausende von Gebäuden mit nicht ausreichend verformbaren Konstruktionselementen. Ohne Nachbesserungen werden darin bei größeren Erdbeben sehr viele Menschen unnötigerweise zu Tode kommen”, heißt es in ihrem Bericht.
Die jüngste Technik für erdbebensicheres Bauen sind stoßdämpfende Fundamente, die einen Teil der Kräfte abfangen. Die beiden einzigen Hochhäuser, die in Kobe 1995 damit ausgerüst waren, überstanden die Katastrophe schadlos. Obwohl ganz Japan seit jeher als stark erdbebengefährdet gilt, scheuten die meisten Bauherren vor den hohen Kosten einer solchen Konstruktion zurück – denn vor dem 17. Januar 1995 hatte in Kobe die Erde tausend Jahre lang nicht gebebt.
Rainer Kurlemann




