Ein Psychologe will kriminelle Soziopathen auf den Weg der Tugend bringen, indem er ihnen heilsame Angst einjagt.
Was könnte Sie davon abhalten, sich unrechtmäßig zu bereichern – wenn sie nicht Angst hätten, erwischt zu werden? Die Vorstellung, keinerlei Furcht zu fühlen, die für den braven Bürger wie ein unerhörtes Gedankenexperiment anmutet, ist für etwa drei Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen alltägliche Wirklichkeit. Weil das Gefühl bei ihnen verkümmert ist, lassen sich diese „Soziopathen” selbst durch drakonische Strafandrohungen nicht einschüchtern.
Alle Empfindungen wie Reue, Einfühlungsvermögen oder Sorge um das Wohlergehen anderer sind bei Soziopathen unterentwickelt. Obwohl sie oft perfekt einen verantwortungsbewussten Menschen mimen, wachsen sie nie über oberflächliche soziale Beziehungen hinaus. Mit ihrem aufgesetzten Charme wickeln sie jedoch unbedarftere Naturen spielend ein.
Mehr als 70 Prozent aller schweren Verbrechen gehen auf das Konto von Soziopathen. „Einsperren oder Psychopharmaka funktionieren nicht”, weiß Prof. Niels Birbaumer vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen. Im Experiment nahm der Forscher das Nervenkostüm von soziopathischen männlichen Schwerverbrechern unter die Lupe. Die Strafgefangenen hatten keine Angst, resümiert Birbaumer: „Die Aussicht auf Strafe löste bei ihnen keine physiologische Erregung aus.”
Soziopathen und Nicht-Soziopathen bekamen in der Birbaumer-Studie neutrale Gesichter vorgeführt, ein Kernspintomograph sondierte dabei ihre Hirnaktivität. Unmittelbar nach jeder Präsentation fügte der Forscher den Teilnehmern einen harmlosen, aber schmerzhaften Piekser zu. Nach einer Weile ließ alleine schon die Darbietung der Gesichter bei den Normalbürgern „ das Blut gefrieren” – ein Erregungsanstieg in den einschlägigen Hirnzentren zeigte es an. Die kaltblütigen Soziopathen dagegen blieben völlig ungerührt. „Ihr orbifrontaler Kortex, ihre Insula, ihr Zingulum und Teile der Amygdala gaben keine Lebenszeichen von sich”, betont Birbaumer. Eine schnelle Heilung der krankhaften Angstlosigkeit ist nicht in Sicht. „Es gibt zwar wunderbare Therapien gegen Angst, aber keine dafür”, betont Birbaumer.
Nun will der international renommierte Psychologe den Betroffenen in einem Trainingsprogramm beibringen, ihre unteraktivierten Hirnareale selbst zu erregen. Birbaumer hatte bereits weltweit mit dem Nachweis Aufsehen erregt, dass Epileptiker ihre Hirnaktivität systematisch steuern können. Per Biofeedback veränderten die Patienten ihre Hirnwellen, sodass den Anfällen der Boden entzogen wurde. Jetzt sollen auch die Soziopathen lernen, in Situationen, in denen Strafe droht, gezielt ihre angstauslösenden Hirnzentren zu aktivieren.
Über die Schwierigkeiten macht sich Birbaumer keine Illusionen. Soziopathen gelten als wenig therapiemotiviert, da nicht sie, sondern die Mitmenschen unter ihrer Störung leiden. „ Von alleine machen die bei dem Programm nicht mit. Wir müssen sie durch Geldanreize oder Strafvergünstigungen motivieren.”
Hinzu kommt, dass schon ein einziger Misserfolg Konsequenzen für Unbeteiligte haben könnte. „Eine Erfolgsquote von weniger als 100 Prozent wäre für uns völlig unakzeptabel”, versichert der Psychologe. Die Ergebnisse der Vorversuche stimmen den Forscher zuversichtlich. Die ersten Probanden, die sich in die Röhre des Kernspintomographen zwängten, hatten keine Probleme, die Tätigkeit ihrer Insula und der anderen Panikmacher des Gehirns vorsätzlich anzukurbeln.
Rolf Degen





