Um 8.30 Uhr naht die Stipendiatin der Woche, Astrid Eiling – eine 17-jährige Schülerin aus Bochum. Das begabte Mädchen möchte studieren, weiß aber noch nicht, ob sie sich für Physik, Mathematik oder Biologie entscheiden soll. Jetzt darf sie eine Woche lang in verschiedene Labors des Forschungszentrums Jülich hineinschnuppern, biotechnische Verfahren kennen lernen und die Wissenschaftler befragen. Ehe das los geht, wird sie von einer schlanken, dunkelhaarigen Frau um die 60 freundlich in Empfang genommen, von Bärbel Baurmann.
10 Minuten vor 9 platzt eine Kollegin in Baurmanns Büro: „ Jemand hat den Laptop mitgenommen. Und die CD auch.” Auf der CD ist der Film aufgezeichnet, der zur Eröffnung des Nanotechnik-Workshops gegen 9 gezeigt werden soll. Im Seminarraum eine Treppe tiefer treffen bereits jene Schüler ein, die diesen Film sehen sollen. Sie nehmen an einer einwöchigen Ferienakademie über Nanotechnologie teil und werden einen Vormittag lang Institute auf dem Campus besichtigen, an denen Nanotechnik erforscht und eingesetzt wird.
Bärbel Baurmann greift zum Telefon. Sie ruft in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit an, bittet um eine Ersatz-CD. Sie fragt herum, wer einen Laptop zur Verfügung stellen kann. Sie ruft über den Flur, sendet Kollegen als Boten aus. Baurmann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: „So etwas passiert eben.”
Punkt 9 Uhr begrüßt sie im Seminarraum die Teilnehmer des Ferienkurses. Statt der angekündigten 25 sind 30 Schülerinnen und Schüler gekommen, dazu der betreuende Lehrer und ein Vertreter der Robert-Bosch-Stiftung. Die Stipendiatin der Woche ist auch da und die Reporterin von bild der wissenschaft. Baurmann hat für alle ein freundliches Wort. Natürlich stehen reichlich Kaffee, Kekse, Saft und Wasser auf dem Tisch.
Gerade erklärt sie den Schülern: „Ihr müsst nicht alles verstehen, aber ihr könnt den Wissenschaftlern jederzeit Fragen stellen”, als eine Mitarbeiterin mit triumphierendem Gesichtsausdruck in den Saal stürmt. Sie bringt Ersatz-Laptop und Ersatz-CD. Es ist jetzt 9.12 Uhr.
Film ab. Der Streifen mit dem Titel „Zukunft ist unsere Aufgabe” ist sehenswert. Er stellt, verpackt in futuristische und zugleich anrührende Spielszenen, die Forschungsgebiete des Jülicher Zentrums vor: Materie, Energie, Information, Leben, Umwelt. Also fast alles. Unter den 15 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft ist Jülich der große Gemischtwarenladen. Es hat dem Druck nach stärkerer Spezialisierung bisher erfolgreich widerstanden, „auch wenn unsere Interdisziplinarität nicht so leicht kommunizierbar ist”, wie Prof. Joachim Treusch, der Vorstandsvorsitzende, sagt. Naturwissenschaftlich interessierte Jugendliche haben damit kein Problem. Für sie ist Jülich ein Paradies.
Für Marc Kaehler etwa. Der 16-Jährige aus dem nur zwölf Kilometer entfernten Titz, ist schon zum dritten Mal hier. Am Tag der offenen Tür vor einem Jahr bestaunte er vor allem den Supercomputer im Zentralinstitut für Angewandte Mathematik. Weil Marcs Begabung für Mathematik und Chemie gefördert wird, erfuhr er rechtzeitig von der Ferienakademie. Marc mag das Forschungszentrum – und Bärbel Baurmann: „Sie ist sehr nett, und sie hat Ahnung. Die Kombination gefällt mir.”
Fast den ganzen Vormittag begleitet sie die Schülergruppe. Die lässt sich zunächst am Institut für Festkörperforschung das Rastertunnel- und das Rasterkraftmikroskop erklären, dann die Herstellung nanokristalliner Pulver vorführen. Anschließend geht es im Institut für Schichten und Grenzflächen um Bioelektronik – also um das Zusammenwirken von Neuronen und Chips. Ein spannendes Thema: Werden Gehirn und Computer eines Tages zusammenwachsen?
Baurmann treibt die Gruppe an, ermutigt zu Meinungsäußerungen, hält sich dabei selbst zurück. Sie beobachtet, wie ihr Programm ankommt. Sie freut sich, wenn eine lebhafte Diskussion entsteht. Sie kann energisch, herzlich, aber auch sehr nachdenklich sein.
Der Job von Bärbel Baurmann geht weit über die Führung von Jugendgruppen hinaus. Sie ist die örtliche Ansprech- partnerin für den naturwissenschaftlichen Wettbewerb „Jugend forscht/Schüler experimentieren” und richtet einen von zwölf Regionalwettbewerben im Bundesland Nordrhein-Westfalen aus. Bei ihr gehen die Bewerbungen aus dem Raum Aachen/Köln/Düsseldorf ein. Sie betreut die Preisträger von „Jugend forscht” und anderen naturwissenschaftlichen Wettbewerben und gestaltet den 14-tägigen Gastaufenthalt im Forschungszentrum Jülich, der Teil des Gewinns ist.
Zu diesen acht bis zwölf „Forschungspatenkindern”, so die 61-Jährige, kommen pro Jahr mindestens ebenso viele Schülerstipendiaten hinzu: Begabte wie Astrid Eiling, die von Schulen und Fördervereinen vermittelt werden oder sich selbst bewerben.
Zusammen mit vier Gymnasien aus der Region veranstaltet das Forschungszentrum jährlich den „Tag der Naturwissenschaften”. An diesem Tag wuseln 150 Abiturientinnen und Abiturienten übers Gelände, erarbeiten selbstständig Themen und präsentieren sie vor Publikum.
Und alle Jahre wieder gibt es in den Osterferien das Forschungscamp von bild der wissenschaft – ein wahres Überraschungs-Ei für 14 naturwissenschaftlich neugierige Schülerinnen und Schüler. Im vergangenen Jahr stand neben Themen wie Genchips, Brennstoffzellen und Kernfusion auch das Wetter der Vergangenheit auf dem Plan. Es blieb nicht bei der Theorie, wie ein Teilnehmer berichtet: „Wir radelten in den Wald und suchten uns einen dominanten Baum als Versuchskarnickel aus. Dann erklärte uns Dr. Gerhard Helle vom Forschungszentrum, wie man Bohrkerne entnimmt: Bohrer fest andrücken, drehen, den Bohrkern mit dem Extraktor herausziehen, den Bohrer wieder herausdrehen – und dann auf ein Neues. Es artet mit der Zeit richtig in Arbeit aus. Doch das Ergebnis sind wunderbare Zigarren mit den Jahresringen des Baumes.”
Solche Begeisterung freut Bärbel Baurmann, die nebenbei noch Seminare für die Lehrerfortbildung organisiert, Referenten an Schulen vermittelt und sich in Abstimmung mit dem Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen um die Ausbildung naturwissenschaftlich interessierter Studenten des Zweiten Bildungswegs kümmert. Auch sie dürfen im Rahmen einer Studierenden-Akademie eine Woche lang die Nase in die Forschung stecken.
„Ich bin in diese Aufgabe hineingewachsen”, sagt Baurmann, die 1976 im damaligen Kernforschungszentrum Jülich als Aushilfe anfing und aus diesem Job eine Berufung gemacht hat: Sie wurde Sekretärin, dann Sachbearbeiterin. Sie übernahm die Betreuung von „Jugend forscht”, hielt Lehrerseminare ab, gestaltete Projektwochen mit und vermittelte Experten, wenn an den Schulen über Kernenergie diskutiert werden sollte, worin in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre großer Bedarf bestand.
1981 wurden ihre beruflichen Weichen endgültig gestellt. Das Bundesforschungsministerium wollte von Jülich wissen: „Können Sie etwas für begabte Schüler anbieten?” Aus dieser schlichten Anfrage entwickelte sich im Laufe der Zeit das heutige umfangreiche Schulprogramm.
Im formalen Amtsjargon blieb Baurmann freilich Sachbearbeiterin. „Sachbearbeiterin mit Zuschlägen”, wie sie freudig ergänzt. „Positionen sind mir nicht wichtig”, wehrt sie ab, nennt stattdessen den Namen der Programmgruppe, der sie angehört: „Mensch, Umwelt, Technik”, kurz „MUT”.
MUT ist die sozialwissenschaftliche Abteilung des Forschungszentrums Jülich. Hier wird Technikfolgenabschätzung betrieben und über ethische Fragen der Biotechnologie geforscht. Es handelt sich um eine Gruppe gleichberechtigter Kollegen, nicht etwa um einen Stab, auf den sie als Managerin des Schulprogramms zugreifen könnte. „Ich mache das hier völlig autark.”
Was nicht heißt, dass es ihr an Unterstützung fehlt. Im Gegenteil: Bärbel Baurmann kennt auf dem Campus einen großen Teil der insgesamt 4300 Mitarbeiter: „Ich weiß genau, wen ich ansprechen kann.” Sie pflegt vor allem Kontakte zu solchen Wissenschaftlern, die ihr Fachgebiet gut vermitteln können. Zu Leuten wie Gerd Helle, den Herrn der Jahresringe, der sich seinerseits über die Kontakte zu den Schülern freut: „Mit den Jugendlichen aus dem bdw-Forschungscamp und von Jugend forscht macht es Spaß zu arbeiten. Sie sind alle hoch interessiert.”
Unterstützung bekommt Bärbel Baurmann auch von ganz oben. Ihr Draht zum Vorstandsvorsitzenden Prof. Joachim Treusch sei hervorragend: „Solange er hier ist, stehen mir alle Türen offen.” „Frau Baurmann hat Carte blanche bei mir”, erklärt seinerseits Treusch. „Das genießt sie. Das hat sie aber auch verdient. Denn sie gibt kein Geld für die falschen Sachen aus. Und sie hat einen sehr guten Draht zu den Kindern.”
Treusch selbst tanzt auf vielen Hochzeiten, wenn es um die Popularisierung der Wissenschaft geht. Insbesondere engagiert er sich für die Initiative „Wissenschaft im Dialog”, die Großveranstaltungen organisiert wie zuletzt das Jahr der Technik und den Stuttgarter Wissenschaftssommer mit 40 000 Besuchern. „ Frau Baurmann und ich haben die gleichen Interessen, wenn es darum geht, junge Menschen für die Wissenschaft zu begeistern. Wir sind Überzeugungstäter.”
Ihre Pionierarbeit trägt in Jülich dauerhafte Früchte. Derzeit wird das neue Schülerlabor eingerichtet: eine feste Institution mit eigenem Gebäude, das rund ums Jahr wechselnden Gruppen für ihre Experimente zur Verfügung stehen wird. Zwei Mitarbeiter – eine Pädagogin und ein Diplomingenieur – werden die Einrichtung leiten. Den Grundstein hat Bärbel Baurmann gelegt: Im Rahmen eines Pilotprojekts hat sie zusammen mit dem Physikprofessor Heiner Müller-Krumbhaar experimentelle Kurse kreiert und mit 150 Schülern ausprobiert. Sie heißen „So kommt die Sonne in die Steckdose”, „Atome ansehen” oder „Umweltgifte sickern durch den Boden”.
Als Animateurin für die Wissenschaft ist sie stets aufmerksam – auch in kleinen Dingen: Wenn der Busfahrer, der die Schüler des Ferienprogramms abholen soll, Durst leidet, besorgt sie für ihn Wasser.
Doch wenn es um sie selbst geht, wird sie schweigsam. Sie habe eine schöne Kindheit gehabt, zusammen mit der Mutter und vier Geschwistern an wechselnden Wohnorten in Niedersachsen: „Ich war frei. Ich konnte mich entfalten.” Und: „Ich war immer wissenshungrig. Das kann ich hier am Forschungszentrum prima ausleben.” Sie ist in zweiter Ehe verheiratet und hat eine erwachsene Tochter, die Ärztin geworden ist. Die weltoffene Mutter reist gern in ferne Länder. Sie pflegt ausgefallene Hobbys wie die Eiermalerei, gärtnert gern und liebt klassische Musik. Zu den glanzvollen Momenten in Bärbel Baurmanns Leben gehört, dass sie 1999 zusammen mit den Siegern des Bundeswettbewerbs „Jugend forscht” im Palais Schaumburg von Kanzler Gerhard Schröder empfangen wurde, „in einer Stätte, die so viel Historie hat”. Sie durfte am Schreibtisch von Konrad Adenauer Platz nehmen. Diesen Moment hat sie sehr genossen – die Frau, die vielen die Bühne bereitet und es nicht gewohnt ist, selbst im Mittelpunkt zu stehen. ■
JUDITH RAUCH ist freie Wissenschaftsjournalistin in Tübingen. Ihr letztes Porträt für bdw schrieb sie über den Heilbronner Urologen und Gitarrenmusiker Prof. Jens Rassweiler.
Judith Rauch
Ohne Titel
• Bärbel Baurmann wird 1943 in Swinemünde an der Ostsee (heute in Polen) geboren,
• lebt seit 1976 in Jülich,
• koordiniert seit 1981 das Schulprogramm des dortigen Forschungszentrums,
• begeistert Lehrer und Schüler für naturwissenschaftliche Themen,
• betreut vom 28. März bis 2. April 2005 das fünfte bdw- Forschungscamp.





