Wer Anfang der achtziger Jahre durch die flirrende Hitze der spanischen La-Mancha-Hochebene fuhr, sah sich plötzlich einer monumentalen Konstruktion gegenüber: dem ersten und bisher einzigen Aufwindkraftwerk der Welt. Das Kraftwerk zur Gewinnung von Solarstrom war von einem Stuttgarter Ingenieurbüro unter Federführung des Bauingenieurs Prof. Jörg Schlaich entwickelt worden. Namhafte Wissen-schaftler – zum Beispiel der Kanadier Prof. Alan Davenport – würdigten es als ernstzunehmende Alternative zu herkömmlichen Kraftwerken. bild der wissenschaft berichtete 1982 über das Konzept.
In der menschenleeren Landschaft wurde ein 250 Meter großes Areal mit durchsichtigen Folien abgedeckt. Das Sonnenlicht passierte das transparente Dach, unter dem es treibhausheiß wurde. In der Mitte der Konstruktion erhob sich ein 200 Meter hoher Kamin, durch den die bis zu 20 Grad wärmere Luft nach oben stieg. Der Aufwind trieb eine Turbine an, ein angeschlossener Generator erzeugte Strom. Das Experiment – damals von der sozial-liberalen Bundesregierung mit 15 Millionen Mark finanziert – gelang: Die Versuchsanlage leistete 50 Kilowatt, bevor sie 1989 durch einen Sturm zerstört wurde.
Danach wurde es still um das Aufwindkraftwerk. Die Politiker – inzwischen hatte die Regierung gewechselt – zeigten jetzt kein Interesse mehr an dem Projekt. Auch die Industrie machte keinerlei Anstalten, in die revolutionäre Technik zu investieren. Das ist bis heute so geblieben. Darauf angesprochen, kann Jörg Schlaich seine Verbitterung nicht verhehlen: „Ich dachte, wenn Rot-Grün an die Macht kommt, geht es wieder voran. Aber als ich auf der Expo in Hannover das spanische Modell ausstellen wollte, erklärte mir der zuständige Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Alfred Tacke: Öl und Kohle seien so billig, daß man in den nächsten 50 Jahren keine Solarkraftwerke benötige. Man wolle aber nichts Unmodernes auf der Expo ausstellen.” Auf Anfrage von bild der wissenschaft dementierte Tacke diese Aussage nicht, ergänzte jedoch: „Ausschlaggebend war, daß sich für das Modell keine privaten Investoren fanden.”
Dabei hätten Aufwindkraftwerke gegenüber den heute gebräuchlichen Solaranlagen einen großen Vorteil: Schlaich entwickelte mit seinem Team eine Methode zur Speicherung der Wärme im Boden. Daher könnten die Anlagen 24 Stunden lang laufen und würden so den Spezifikationen eines Grundlast-Kraftwerks entsprechen. Der produzierte Strom würde – so der Stuttgarter Ingenieurwissenschaftler – lediglich 14 Pfennig pro Kilowattstunde kosten. Abschreckend wirkt aber womöglich die hohe Anfangsinvestition von etwa einer Milliarde Mark: Eine 200-Megawatt-Anlage würde ein Glasdach von 10 Kilometer Durchmesser benötigen, der Kamin müßte 1000 Meter hoch sein. Schlaich: „In unserer Zeit des Shareholder Value wollen die Menschen immer sofort Geld sehen. Unser Aufwindkraftwerk ist aber erst nach 25 Jahren abgeschrieben – so langfristig will keiner denken.” Verärgert zieht Schlaich Parallelen zu den Welt-Klimakonferenzen, bei denen fast nichts herauskomme: „Wir leben in einer Welt, in der man viel redet und nichts tut.
Jeder hat Angst vor dem großen Schritt in die Zukunft.” Aufgeben will Schlaich dennoch nicht. Er glaubt an sein Projekt. Und es gibt einen Silberstreifen am Horizont: Der baden-württembergische Energieversorger EnBW hat ihm einen Förderbetrag in Aussicht gestellt. Schlaich weiß aber auch: „Ich bin jetzt 66 und mache das schon 20 Jahre lang. Nochmal 20 Jahre habe ich nicht.”
Hans Groth / Jörg Schlaich




