Im vergangenen Jahr warteten hierzulande rund 15000 schwerkranke Patienten auf eine Organtransplantation. Doch wegen des akuten Mangels an Spendern konnten nur 3435 Organe verpflanzt werden. “Im Durchschnitt starb jeden Tag mindestens ein Patient von der Warteliste für Herz- und Lebertransplantationen”, stellt Dr. Axel Maibücher fest. Der Immunologe und Leiter der klinischen Forschung bei dem Schweizer Pharmakonzern Novartis sieht auch einen Ausweg: die Übertragung von tierischen Organen auf den Menschen. Solche “Xenotransplantate” (von griechisch xenos, fremd) müssen jedoch zuvor genetisch für den Menschen “maßgeschneidert” werden, um nicht von der Immunabwehr abgestoßen zu werden. Dieses molekularbiologische Kunststück gelang erstmals 1992 dem britischen Immunologen David White, Professor an der Cambridge University Medical School, mit transgenen Schweinen. Sie sind als Spendertiere geeignet, weil ihre Organe etwa die gleiche Größe wie die des Menschen haben.
White hatte den Tieren ein menschliches Gen übertragen, das eine wichtige Rolle bei der Immunerkennung spielt. Das humane dAF-Gen – das Kürzel steht für Zerfallsbeschleunigungs-Faktor – reguliert das Zusammenspiel von Immunproteinen im Blutplasma. Beim Kontakt mit artfremdem Gewebe würde die Immunabwehr normalerweise aktiviert. Die Folge: Fremde Zellen werden von den Abwehrproteinen in einer molekularen Kettenreaktion regelrecht durchlöchert. Das Transplantat verfärbt sich binnen weniger Minuten blauschwarz – ein sicheres Zeichen, daß das fremde Gewebe das Bombardement des Immunsystems nicht überlebt hat. “Durch die Übertragung des humanen dAF-Gens auf Schweine konnten wir die akute Abstoßung, die größte immunologische Hürde bei der Xenotransplantation, überwinden”, erklärt Dr. Maibücher.
Allerdings gibt es noch zwei weitere menschliche Immunregulatoren, die an der Abstoßung beteiligt sind: das Membran-Cofaktor-Protein (MCP) und das Regulatoreiweiß cd59. Erst wenn diese beiden mit Hilfe der Gentechnik in tierisches Gewebe übertragen werden, haben die Forscher die wichtigste Immunbarriere überwunden. “Daran wird weltweit mit Hochdruck gearbeitet”, versichert Prof. Claus Hammer, Chirurg und Transplantations-Experte an der Universität München.
Inzwischen haben Wissenschaftler eine amerikanische Schweinerasse gefunden, die sich mit dem menschlichen Immunsystem gut verträgt. “Das urtümliche Duroc-Schwein bildet von allen Rassen die wenigsten Antigene gegen den Menschen”, erklärt Prof. Hammer. Sicherheitsbedenken wegen einer Übertragung von tierischen Krankheitserregern hat Maibücher nicht: “Seit rund 4000 Jahren lebt der Mensch mit dem Fleischlieferanten Schwein zusammen, und wir kennen kaum ein Tier, bei dem die Infektionsgefahr so gering ist.
Die britischen Virologen Robin Weiss und David Onions warnten dagegen in diesem Frühjahr davor, die Gefahr der Virus-Übertragung vom Schwein auf den Menschen zu verharmlosen. Sie hatten Viren gefunden, die für das Schwein harmlos sind, beim Menschen aber Krankheiten wie Krebs oder Aids verursachen können.
Silvia von der Weiden




