Zum Popstar der Kernphysik avancierte Dr. Viktor Ninov im Jahr 1999. Locker im Umgang mit Journalisten, voller Begeisterung für seine Arbeit und offenbar erfolgreich: Ninov hatte die schwersten Atomkerne der Welt hergestellt, die Elemente 116 und 118 – ganz weit unten im Periodensystem (bild der wissenschaft 8/1999, „Neue Elemente”). Der Coup gelang dem Deutschen, nachdem er von der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt nach Berkeley in Kalifornien gegangen war. Der Arbeitsplatz bei San Francisco bot ihm ideale Bedingungen – „man kann hier Ideen schneller umsetzen” –, und in der Freizeit war er oft mit seinem Segelboot unterwegs. In gewisser Weise segelte Ninov auch im Labor. Er war auf der Suche nach der „Insel der stabilen Atomkerne” – einer neuen Form von Materie, die trotz superschwerer Kerne Stunden oder gar Tage existieren soll, bevor sie zerfällt. Ninovs Atomkerne von Element 116 und 118 gab es nur für Sekundenbruchteile, sie galten aber als wichtige Etappen auf dem Kurs zur Insel. Seinem Arbeitgeber, dem Lawrence Berkeley National Laboratory (LBNL), verschaffte Ninov Publicity und die Aussicht auf Fördermittel. Und der Konkurrenz GSI, den Entdeckern der Elemente 107 bis 112, hatte man ein Schnippchen geschlagen. Doch die Freude war kurz – das LBNL wirft Ninov jetzt Betrug vor. Eine unabhängige Untersuchungskommission kommt zu dem Schluss: Er soll radioaktive Zerfallsketten, die als Nachweis für die Herstellung der neuen Atomkerne nötig sind, erfunden haben. Anscheinend hat er echte Daten kreativ ergänzt. Das LBNL ist nun bemüht, Ninov als Einzeltäter zu brandmarken. „Seit einem Jahr kämpfen wir um unsere Glaubwürdigkeit”, erklärt Gruppenleiter Dr. Ken Gregorich. Inzwischen ist bekannt geworden, dass sogar die GSI von dem Skandal betroffen ist. Ninov war dort, bevor er in die USA ging, ebenfalls an der Entdeckung neuer Elemente beteiligt (bild der wissenschaft 2/1995, „110 und 111: Elemente vom Fließband”). Die Darmstädter haben ahnungsvoll die alten Rohdaten, die Mitte der neunziger Jahre auf Magnetbänder geschrieben wurden, neu analysiert. Ergebnis: Von insgesamt 34 Zerfallsketten wurden 2 besonders wichtige gefälscht – darunter der erste Nachweis für Element 112. „Viktor Ninov war für die Vorauswertung der Daten zuständig”, erklärt Arbeitsgruppenleiter Prof. Sigurd Hofmann. „Das Ganze ist eine große persönliche Enttäuschung für mich.” Im Gegensatz zu den Kollegen in Berkeley mussten die Darmstädter ihre Entdeckungen aber nicht widerrufen. Sie haben inzwischen eine ausreichende Zahl von neuen, seriösen Zerfallsketten für die betroffenen Elemente nachweisen können. Insgesamt sieht es so aus, als hätte Ninov in Darmstadt mit seinen gefälschten Daten einigermaßen richtig geraten, während er in Berkeley voll daneben lag. Aufgeflogen war Ninov, nachdem niemand seine Ergebnisse reproduzieren konnte, er selbst aber 2001 eine zusätzliche Zerfallskette des Elements 118 vorlegte und einer seiner Kollegen auf die Idee kam, die Rohdaten zu überprüfen. Warum er betrogen hat, ist allen Beteiligten ein Rätsel. „Wir haben es längst aufgegeben, das verstehen zu wollen” , konstatiert Gregorich. An der GSI tippt man auf Profilsucht. Ninovs ehemalige Kollegen müssen sich jetzt die Frage gefallen lassen, warum sie besonders wichtige Ergebnisse nie von mehreren Personen prüfen ließen. Ninov selbst hält sich für unschuldig und sieht sich als Opfer eines Komplotts seiner Kollegenschaft. Zu Einzelheiten wollte er sich gegenüber bild der wissenschaft nicht äußern, angesichts des juristischen Nachspiels, das folgen wird. Er zog es vor, auf einen ausgedehnten Segeltörn im Pazifik zu gehen.
Jan Lublinski




