Auf diese schwierige Frage gibt es verschiedene Antworten, die sich widersprechen: Ja! Nein! Vielleicht! Oder: Kommt darauf an! Die Situation ist also ziemlich verwirrend. Ein Teil des Problems ist eine schlichte Definitionsfrage. „Urknall” ist nämlich ein mehrdeutiges Wort mit mindestens vier Bedeutungen:
(1) Die heiße, dichte Anfangsphase unseres Universums. Dabei haben sich innerhalb weniger Minuten die leichten Elemente gebildet: Wasserstoff und Helium sowie Spuren von Lithium und Beryllium (siehe Grafik unten: „Die erste Viertelstunde”). Dass unser Universum aus einem Urknall in dieser Wortbedeutung entstand, nehmen inzwischen fast alle Kosmologen an. Und nur in diesem Sinn wird vom Standardmodell der Kosmologie oder von der Standardtheorie des Urknalls gesprochen. Wie es zu dem heißen, dichten Beginn kam, bleibt dabei jedoch offen.
(2) Die Anfangssingularität. Sie markiert den Zeitpunkt, an dem die bekannten Naturgesetze zusammenbrechen: Energie, Dichte, Druck, Temperatur und Krümmung gehen gegen unendlich, Raum und Zeit verschwinden. Die Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie für das Universum haben an diesem Punkt eine Singularität – einen blinden Fleck, an dem sie keine sinnvollen Aussagen machen. Dies trifft unter sehr allgemeinen Bedingungen zu, wie Stephen Hawking und Roger Penrose in den 1960er-Jahren bewiesen haben. Ob jedoch alle diese Bedingungen notwendigerweise erfüllt waren, und ob diese mathematische Grenze wirklich eine physikalische Entsprechung hat, ist umstritten. Fest steht: Eine Erklärung des Urknalls muss diese Singularität überwinden, also durch eine realistische physikalische Beschreibung ersetzen. Erst dann kann die Frage beantwortet werden, ob der Urknall der Anfang von allem war oder nicht.
(3) Ein absoluter Anfang von Raum, Zeit und Energie, also der Beginn von allem. Urknall-Modelle in diesem Sinn können Anfangskosmologien genannt werden. Sie postulieren einen allerersten Moment. Entspräche ein solches Modell der Realität, gäbe es keine Zeit „vor” dem Urknall. Doch niemand weiß, ob das der Fall ist.
(4) Der Beginn unseres Universums, das heißt seiner Teilchen, seines Vakuumzustands und vielleicht seiner (lokalen) Raumzeit. Urknall-Modelle in diesem Sinn lassen die Möglichkeit offen, dass unser Universum nur eines von vielen ist (Multiversum-Hypothese). Dann könnte es selbst zwar einen Anfang besitzen und würde nicht ewig existieren, aber es wäre nicht aus dem Nichts entstanden. Somit wäre unser Urknall nicht der Anfang von allem, sondern es hätte vorher – und vielleicht „schon immer” – etwas existiert. Dann kann man von Ewigkeitskosmologien sprechen. Diese Bedeutung von Urknall lässt also die Möglichkeiten offen, dass es eine Zeit „vor” dem Urknall (1) gab, dass er ein Übergang war („Big Bounce” ) und dass andere Universen existieren.
Das alles beantwortet freilich nicht, was denn nun eigentlich geschah. Die Begriffsunterscheidung macht aber deutlich, dass der Urknall ein – wenn auch brachiales – Ereignis unter vielen gewesen sein kann, also ein Urknall (4), wie es das Szenario der Ewigen Inflation nahe legt. Damit stellt sich aber die Frage nach dem Beginn der Inflation – und somit nach dem Urknall (3). Es gibt starke Argumente dafür, dass die Inflation einen Anfang hatte. Dann kann sie jedoch nicht die Singularitätstheoreme von Hawking und Penrose umgehen, also den Urknall (2). Fazit: Ob der Urknall der Anfang aller Dinge war, lässt sich erst klären, wenn man herausfindet, was ihn verursacht hat. Im Wettstreit der Hypothesen (Grafik und Tabelle unten) führt zurzeit die Ansicht, dass der Urknall ein Übergang war und nicht der absolute Anfang von allem.





