ALS DER STERN 1983 die angeblichen Hitler-Tagebücher veröffentlichte, war das eine üble Blamage. Die hätte man sich leicht ersparen können mit einer simplen Materialanalyse. Sie zeigte nämlich später, dass das Papier optische Aufheller enthielt, die erst nach 1945 hergestellt wurden. Auch das Klanggeheimnis der Stradivari- Geigen konnte mit Hilfe moderner Verfahren gelüftet werden: Die Röntgenanalyse enthüllte eine hauchdünne Lackschicht mit vulkanischer Asche, die nach dem Trocknen sehr hart wird und für den außerordentlichen Klang sorgt. Mit naturwissenschaftlichen Methoden lassen sich gefälschte Gemälde entlarven, das Alter antiker Gefäße und Knochenfunde bestimmen, Giftmorde rekonstruieren oder die Wirksamkeit altägyptischer Medikamente erforschen. Wie das im Einzelnen funktioniert, zeigt Manfred Reitz vom Jenaer Institut für Molekulare Biotechnologie in seinem neuen Buch: Er erklärt Infrarotaufnahmen, Magnetfeldmessungen, Wirbelstromverfahren, Toxikologie und Dendrochronologie bis hin zu Methoden der Atomphysik. Das Buch ist eine ausgezeichnete Fundgrube für Kenntnisse über historische Materialverarbeitung und moderne Analysemethoden. Und es macht deutlich, warum dieses Wissen für Historiker und Archäologen von unschätzbarem Wert ist: Es stellt die Diskussion über die Echtheit alter Funde auf eine objektive naturwissenschaftliche Basis.
Dr. Eva Tenzer




