Seit Menschen denken können, führen sie die Entstehung der Welt, ihrer selbst und der moralischen Ordnung auf das Werk – mindestens – eines übernatürlichen Schöpfergottes zurück, dem sie dafür zu Anbetung und Dankbarkeit verpflichtet sind. Richard Dawkins, der britische Prophet des Darwinismus und wahrscheinlich der größte lebende Biovisionär, nimmt in seinem neuen Buch theologische, philosophische, logische und wissenschaftliche Beweise für die Existenz des Allmächtigen aufs Korn.
Egal ob die Pascal’sche Wette oder das Anthropische Prinzip: Wie ein Gott der Rationalität lässt Dawkins einen virtuosen intellektuellen Dampfhammer herniederfahren. Die Quintessenz, vorgetragen in luzider Sprache, mit enzyklopädischen Kenntnissen und bissigem Unterton: Die geistigen Fesseln, die uns mit Gott verbinden, sind selbstgeknüpft.
Dawkins Speerspitze richtet sich nicht nur gegen Fundamentalisten, die Wolkenkratzer stürzen oder Abtreibungskliniken sprengen: Auch die Gemäßigten tragen Mitschuld, weil sie den Radikalen den geistigen Nährboden bereiten und auf einen sakralen Sonderstatus für den Glauben pochen, der über Kritik, Zweifel und blasphemische Karikaturen erhaben ist. Für alle Ungläubigen hat Dawkins eine frohe Botschaft parat: Wie viele Studien belegen, hindert ihre Gottlosigkeit sie nicht daran, sich als anständiger, gesunder, verlässlicher, denkender und von der Schönheit des Kosmos gerührter Mensch durchs Leben zu schlagen. Es stimmt optimistisch für die Zukunft der Menschheit, dass der „Gotteswahn” in Amerika ein gigantischer Bestseller ist und sogar im Iran gelesen wird – die elektronische Ausgabe der „God Delusion” findet sich auf diversen persischen und arabischen Internet-Seiten. Rolf Degen
Richard Dawkins DER GOTTESWAHN Ullstein, Berlin 2007, 576 S., € 22,90 ISBN 978–3–550–08688–5





