“Charakterstärke ist bei Wissenschaftlern fast noch seltener als in anderen Berufsgruppen.” Dieses harte Urteil fällt Notker Hammerstein (69). Der Frankfurter Historiker hat die Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftspolitik während der NS-Diktatur untersucht und dabei niederschmetternde Erkenntnisse gewonnen.
“Die meisten deutschen Wissenschaftler haben versucht, die politischen Verhältnisse für ihre persönlichen Interessen zu nutzen”, betont der Geschichtsprofessor. Wer innere Distanz zum Regime hatte, ließ sich das meist nicht anmerken. “Offener Protest oder gar Widerstand war mehr als rar”, so Hammerstein.
Selbst als die Kollegen jüdischen Glaubens von ihren Lehrstühlen und aus dem Land vertrieben wurden, schauten die meisten nichtjüdischen Forscher weg. Vielen von ihnen ermöglichte das einen Karrieresprung. So übernahm der 1899 geborene Chemiker Peter Adolf Thießen nach dem Hinauswurf des Nobelpreisträgers Fritz Haber 1933 die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie in Berlin. Auch nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes erwies sich der Mann als höchst flexibel. Nachdem er am sowjetischen Atomwaffenprogramm mitgearbeitet hatte, erhielt er eine Professur an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin. “Die Jahrgänge um 1900 sind auffällig”, stellt Hammerstein fest. “Ältere Wissenschaftler sind meist relativ emotionslos mitgelaufen und irgendwann in den Ruhestand getreten.”
Hammerstein nahm seine Untersuchung im Auftrag der DFG vor. Diese wurde 1920 als “Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft” gegründet. In der NS-Zeit war sie eine vom Reichsforschungsministerium gelenkte Verrechnungsstelle für Fördergelder.
Notker Hammerstein / Andreas Knoll





