FICTION PLUS SCIENCE – mit diesem Motto startete am 15. November 2006 das Bildungsprojekt „Cinema and Science”, kurz CISCI. Das hehre Ziel: gelangweilte Schüler für Mathematik, Physik, Chemie und Biologie zu begeistern (bild der wissenschaft 10/2007, „Wenn Wissenschaft ins Kino geht”). Der Initiator Heinz Oberhummer, Physik-Professor am Atominstitut der TU Wien, und seine internationalen Kooperationspartner haben dafür die bekanntesten Filmstars Hollywoods als Aushilfslehrer engagiert. Ein Beispiel für eine typische CISCI-Unterrichtseinheit aus dem Gebiet Mechanik: Auf der Leinwand im abgedunkelten Klassenzimmer läuft eine Szene aus „Spiderman 3″. Die menschliche Spinne aus New York stürzt gerade von einem Hochhaus und fängt den freien Fall ab – mit einem gekonnt aus dem Handgelenk geschossenen Spinnenfaden. Wie realistisch ist so etwas?
Nach der Kinovorstellung wird von der Klasse fleißig gerechnet: Freier Fall, Bremskraft, Bremsweg und die Zugfestigkeit von Spinnenseide müssen berücksichtigt werden. Das überraschende Ergebnis: Die Rettungsleine könnte bereits ab einem Durchmesser von zwei Millimetern den Sturz abfangen, statt zu reißen. Mit dem kleinen Nachteil für den Superhelden, dass nur sein Arm am überdimensionierten Spinnenfaden hängen bliebe – der Rest würde unsanft auf dem New Yorker Asphalt aufschlagen. Die Zugfes- tigkeit eines menschlichen Armes wird nämlich angesichts der berechneten Bremskraft überschritten.
Zuerst Fiction, dann Science – Spaß gehabt und noch etwas dabei gelernt: Beste Voraussetzungen für den Siegeszug von CISCI durch die Klassenzimmer Europas? Laut Heinz Oberhummer funktioniert das Konzept: „Wir haben Rückmeldungen von vielen Lehrern, dass die Verwendung von CISCI im Unterricht erfolgreich ist.” An wie vielen Schulen – und an welchen genau – die Methode eingesetzt wird, ist jedoch unklar. Die Internetplattform, auf der die Inhalte bereitgestellt werden, ist kostenlos und funktioniert auch ohne Anmeldung. Erfassbar ist lediglich die Zahl der Seitenzugriffe. Beim Stapellauf des Projekts hatten die Macher der Webseite (www.cisci.net) eine Besucherzahl von einer Million pro Monat als „kritische Masse für den Erfolg” genannt. Daran gemessen, ist die Bilanz nach zweieinhalb Jahren enttäuschend. Oberhummer: „Derzeit erfolgen etwa 15 000 Seitenzugriffe auf die deutsche und englische Version pro Monat aus 77 Ländern.”
Es liegt am Geld, vermutet er. 2007 endete die finanzielle Förderung durch die Europäische Union, die in den zwei Jahren vor dem Startschuss rund 500 000 Euro bereitgestellt hatte. Danach wurden die Inhalte den Kooperationspartnern übergeben, unter anderem in Italien, Slowenien und Lettland. Die deutsche und die englische Version betreut nach wie vor der Gesamtkoordinator Oberhummer. Er moniert, der Mangel an finanziellen und humanen Ressourcen habe nach 2007 die Pflege und den weiteren Ausbau des Portals erschwert.
So hängt CISCI, nicht anders als Spiderman, am seidenen Faden. Oberhummer möchte das Ruder jetzt herumreißen und plant mit seinem Team bis zum Jahresende 2009 einen Relaunch von „Cinema and Science”, der Besucherzahlen und Popularität vervielfachen soll: „Wir werden die Inhalte von CISCI einer ambitionierten Qualitätskontrolle unterziehen und die Plattform auch programmtechnisch auf den letzten Stand bringen”, verspricht er. Künftig sollen auch Themen aus Geschichte, Geographie, Musik, bildender Kunst und Philosophie aufgenommen werden. Damit will Oberhummer CISCI „für die allgemeine Bevölkerung noch interessanter machen”. Woher die Ressourcen für diesen umfangreichen Relaunch kommen sollen, lässt er jedoch unerwähnt. Nils Ehrenberg ■




