Der Jangtse ist der längste Fluss Asiens und der drittlängste der Welt. Er erstreckt sich über 6300 Kilometer vom Tanggula-Gebirge des tibetischen Plateaus bis zu seiner Mündung in das Ostchinesische Meer bei Shanghai. Menschen nutzten den Fluss und seine Nebenflüsse schon vor Jahrtausenden, um die Region per Boot zu erkunden und zu erschließen. Dabei erblickten sie immer wieder auch den Jangtse-Glattschweinswal (Neophocaena asiaeorientalis asiaeorientalis), die einzig bekannte Schweinswalart, die in Süßwasser lebt. Dieser Flussdelfin bewohnte früher fast den gesamten Jangtse, ist heute jedoch vom Aussterben bedroht und steht unter strengem Schutz.

Durch sein charismatisches Aussehen mit dem scheinbar ewigen Lächeln und durch sein kluges Verhalten prägte er über die Jahrhunderte Aberglauben und Bauernregeln der Menschen. Demnach bringt es angeblich Unglück, einen Jangtse-Schweinswal zu verletzen. Zudem sagen die Süßwassersäugetiere in gewisser Hinsicht tatsächlich das Wetter und die Fischmenge voraus. „Im Vergleich zu Fischen sind Jangtse-Glattschweinswale ziemlich groß und an der Wasseroberfläche aktiv, vor allem vor Gewittern, wenn sie Fischen nachjagen und herumspringen“, berichtet Seniorautor Zhigang Mei von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, der am Jangtse-Fluss aufwuchs. „Dieser erstaunliche Anblick war für Dichter schwer zu ignorieren.“ So beschrieben über die Jahrhunderte zahlreiche Dichter die Flussdelfine, darunter Qianlong, der Kaiser der Qing-Dynastie.
Auf Spurensuche in alten Gedichten
Ein Team um Mei und Erstautorin Yaoyao Zhang hat nun solche historischen Gedichte aus Sammlungen in ganz China herausgesucht und ausgewertet, um mehr über die Populations-Entwicklung des Jangtse-Schweinswals zu erfahren. Die Forschenden stellten systematisch Gedichte aus rund 1.400 Jahren chinesischer Kultur zusammen und werteten die darin enthaltenen Informationen aus. Insgesamt prüften sie 724 Texte, die seit dem Jahr 618 verfasst wurden. „Eine der größten Herausforderungen war die schiere Anzahl chinesischer Gedichte und die Tatsache, dass jeder Dichter einen so unterschiedlichen Stil hatte“, berichtet Mei.
Erschwerend kam hinzu, dass Gedichte Kunst sind und keine Wissenschaft. „Wir mussten herausfinden, wie genau die Dichter waren. Einige haben so objektiv wie möglich beschrieben, was sie sahen. Andere waren einfallsreicher und übertrieben die Größe oder das Verhalten der Dinge, die sie sahen. Wir mussten das Leben und den Schreibstil jedes Dichters recherchieren, um sicherzustellen, dass die Informationen, die wir erhielten, zuverlässig waren“, erklärt Mei. Dennoch fanden Zhang und ihre Kollegen in den poetischen Texten Hunderte von brauchbaren Hinweisen auf Vorkommen und Leben der Schweinswale. Diese Informationen glichen sie mit historischen Aufzeichnungen über die Lebensereignisse des Dichters und Kontextbezüge im Rest des jeweiligen Gedichtes ab, um Ort und Zeit der Delfinsichtungen zu bestimmen und daraus die Verteilung des Schweinswals im Laufe der Geschichte Chinas zu rekonstruieren.






