Immer mehr Studien zeigen: Körperliche Bewegung kann der Demenz Einhalt gebieten.
Turne bis zur Urne! Was der Bochumer Mediziner Dietrich Grönemeyer als Tipp zur Vorbeugung von Rückenschmerzen formulierte, gilt mittlerweile als Universalrezept, mit dem sich praktisch allen Altersgebrechen vorbeugen lässt: Es gibt kaum noch Zweifel daran, dass regelmäßige Bewegung Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht, Osteoporose und sogar Krebs in Schach halten kann.
Dazu kommt inzwischen die Erkenntnis: Die körperliche Aktivität macht nicht nur den Körper fit, sondern auch den Geist – sie scheint das Altern des Gehirns aufhalten zu können. Seit Mitte der 1990er-Jahre zeigt sich in Studien immer wieder: Körperlich rege Senioren entwickeln seltener eine Demenz als ihre passiven Altersgenossen. Eine der größten, die Invade-Studie, machte Ende Januar 2010 von sich reden: Ein Mediziner-Team um den Neurologen Thorleif Etgen von der Technischen Universität München hatte knapp 4000 Freiwillige insgesamt acht Jahre lang beobachtet. Regelmäßig erfasst wurden der körperliche Zustand der Studienteilnehmer und ihre geistige Leistungsfähigkeit.
HALBIERTES DEMENZ-RISIKO
Ausgewertet ist bisher der Stand nach zwei Jahren. Etgen fasst zusammen: „Diejenigen, die sich regelmäßig bewegten, hatten ein um die Hälfte geringeres Risiko, eine sogenannte leichte kognitive Störung – häufig eine Vorstufe zu einer Demenz – zu entwickeln.” Dennoch ist der Neurologe sehr vorsichtig bei der Beurteilung der Ergebnisse. Das Problem: Kohorten-Studien wie Invade liefern zwar Hinweise auf einen möglichen Effekt, aber keinen echten Nachweis. „Die großen Interventions-Studien fehlen, in denen viele Menschen gezielt mehrere Jahre lang ein Bewegungsprogramm absolvieren und ihre Entwicklung dann mit der einer passiven Gruppe verglichen wird”, bedauert er.
Das beklagt auch Heinz Mechling, Leiter des Instituts für Bewegungs- und Sportgerontologie an der Sporthochschule Köln. Trotzdem ist er überzeugt, dass Bewegung einen positiven Einfluss aufs alternde Gehirn hat, unter anderem aufgrund seiner Erfahrungen in einer kleineren Interventions-Studie. Die für ihn entscheidende Frage ist im Moment eher, welche Bewegungsprogramme funktionieren – und die konnte bisher keine Studie beantworten.
„Wie es aktuell aussieht, scheint Krafttraining einem Fitness- oder Ausdauertraining überlegen zu sein”, deutet Mechling an. Konkretes werde bald veröffentlicht. Eines ist für den Kölner jetzt schon klar: In Bezug auf Demenzvorbeugung muss dringend etwas passieren – sonst steht das Gesundheitssystem in wenigen Jahren vor einem Riesenproblem. Ein erster Schritt: Die beiden Fachgesellschaften für Neurologie, die DGPPN und die DGN, haben regelmäßige Bewegung in ihre Leitlinien zur Behandlung von Demenzkranken aufgenommen. „Eigentlich müsste der Arzt ein Rezept für Sport ausstellen, so wie es jetzt schon für Bewegungsprogramme bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes gemacht wird”, sagt der Experte. Doch dafür werden die Ergebnisse großer Interventions-Studien benötigt – und die starten frühestens Anfang 2011. ■
von Ilka Lehnen-Beyel





