Das ist ein Überfall!” Zwei bewaffnete Gangster stürmen in eine Sparkassenfiliale und fordern den Zugang zum panzerverglasten Kassenraum. Die Kassiererin versteht die Männer falsch und denkt, sie wollen an den Tresor. Über den Schlüssel für den Panzerschrank verfügt nur der Zweigstellenleiter. Der ist nicht in seinem Büro – hat sich aus dem Staub gemacht. Die Konfusion ist perfekt. Dennoch geht der Überfall glimpflich aus. Tote oder Verletzte gibt es nicht.
Der Überfall schlägt den Sparkassenbediensteten dennoch heftig auf die Psyche. Nur wenige Wochen zuvor waren sie schon einmal von Bankräubern heimgesucht worden. Deshalb hatte sich der Zweigstellenleiter auch sofort abgeseilt, als er den Braten roch. Die Mitarbeiter nahmen ihm das übel. Das Betriebsklima in der Zweigstelle verschlechterte sich zusehends. Erst eine gezielte psychologische Beratung des Zentrums für empirische pädagogische Forschung (ZEPF) an der Universität Koblenz-Landau entkrampfte das Verhältnis der Sparkassenangestellten untereinander.
Obwohl bei dem geschilderten Raub niemand verletzt wurde, hatten einige Angestellte einen seelischen Schock. Als sich Mitarbeiter des Instituts den Tathergang schildern ließen, stellte sich heraus, was in diesem Fall das Hauptproblem war: Das vorher schon gestörte Vertrauensverhältnis zwischen den Angestellten und dem Filialleiter war nun vollends zerrüttet.
Die Wissenschaftler des ZEPF führten daraufhin Einzel- und Gruppengespräche – mit jedem Sparkassenangestellten, am intensivsten mit dem Filialleiter und der Kassiererin. Später berieten sie die beiden gemeinsam und nahmen auch die übrigen Mitarbeiter dazu. Dabei orientierten sie sich an psychologischen Methoden der Gesprächsführung und Beratung.
In einer Atmosphäre von Wärme, Verständnis und Akzeptanz besteht in einem solchen Gespräch die Möglichkeit, das Erlebte aufzuarbeiten und das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu begreifen. Außerdem werden gemeinsame Strategien entwickelt, die Situation zu bewältigen und den Alltag zu meistern. “Wenn die Mitarbeiter einer beraubten Zweigstelle sich imstande fühlen, dort weiterzuarbeiten, und wenn die Kollegen wieder vertrauensvoll miteinander umgehen können, ist die Betreuung geglückt”, erklärt Prof. Reinhold Jäger, der geschäftsführende Leiter des ZEPF. Schwerwiegender als die Konflikte unter Kollegen sind meist die individuellen seelischen Probleme, mit denen die Opfer eines Banküberfalls zu kämpfen haben.
Ein durchschnittlicher Bankraub in Deutschland dauert knapp drei Minuten, und nur bei einem von hundert Überfällen wird jemand verletzt, ergab eine von der Niedersächsischen Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Hannoversch Münden 1992 vorgestellte Untersuchung. Doch bei nahezu allen Menschen verursacht ein plötzlich hereinstürmender bewaffneter Räuber einen Schock.
Einige überwinden die seelische Erschütterung schnell. Bei anderen kann das Erlebte jedoch zum Trauma werden und schwere psychische, teilweise auch psychosomatische Störungen nach sich ziehen. Manche fallen in Depressionen oder werden von panischen Ängsten verfolgt. “Wie groß ihr Anteil wirklich ist, läßt sich nicht feststellen, weil es darüber keine systematischen Untersuchungen gibt”, bedauert Jäger. Viele Überfallene haben große Probleme damit, daß ihre Bank noch einmal ausgeraubt werden könnte – auch wenn die Wahrscheinlichkeit hierfür nicht allzu groß ist. Ende 1997 gab es in Deutschland nach einer Statistik der Deutschen Bundesbank insgesamt 66764 Zweigstellen von Banken, Sparkassen und der Postbank. Beraubt wurden im selben Jahr laut der polizeilichen Kriminalstatistik 1322 Kreditinstitute.
Statistisch gesehen würde jedes Kreditinstitut demnach nur alle 50 Jahre von Räubern heimgesucht – doch Bankräuber geben nichts auf Statistik. Kleine Filialen außerhalb größerer Städte sind in der Tat stärker bedroht.
Nicht nur die Überfallenen selbst haben mit den Folgen zu kämpfen, mitbetroffen sind meist auch ihre Angehörigen: Eine Angestellte hatte den Schrekken gut verkraftet und wollte ihre Arbeit wieder wie gewohnt aufnehmen.
Doch ihr Mann setzte sie unter Druck und verlangte, daß sie sich in eine andere Filiale versetzen ließe. Auch das Umgekehrte kommt vor: Ein Angestellter ist nervös und niedergeschlagen, obwohl er selbst nicht verletzt wurde, und ein naher Verwandter sagt ihm, er solle sich nicht so aufregen, es sei doch alles gutgegangen. “Dies ist das Schlimmste, was man Verbrechensopfern gegenüber äußern kann”, betont Jäger.
Wie heftig die psychischen Probleme überfallener Bankangestellter sind und wie lange sie dauern, hängt von vielen Faktoren ab. Eine Rolle spielen die Persönlichkeitsstruktur, der individuelle Umgang mit Belastungen sowie die aktuelle seelische Verfassung und eventuelle Probleme in der Familie oder in der Partnerschaft. Auch die Lebenserfahrungen sind wichtig: Bereits erlebte Bedrohungen oder Gewalttaten können wieder an die Oberfläche kommen.
Bedeutend, aber nicht immer entscheidend sind das Auftreten und die Brutalität der Täter. Schwerwiegende psychische Schäden sind oft die Folge, wenn Angestellte oder Kunden als Geiseln genommen werden. Und das ist keineswegs selten: Im Schnitt bringt jeder achte Gangster eine oder mehrere Personen beim Betreten der Bank in seine Gewalt, und drei Prozent versuchen, ihre Flucht durch Geiseln abzusichern.
Den Anstoß für das ZEPF, Nachhinein-Betreuung und Vorbereitungsseminare anzubieten, gab 1995 ein brutaler Überfall auf eine kleine Sparkassenfiliale in der Nähe von Landau durch einen überschuldeten Verzweiflungstäter.
Der dortige Zweigstellenleiter war einige Jahre zuvor schon einmal Opfer eines Banküberfalls gewesen. Damals war es ihm gelungen, dem Täter die Pistole zu entreißen und ihn in die Flucht zu schlagen. Bei dem neuerlichen Raub mußte er den gleichen Versuch mit dem Leben bezahlen.
Die Sparkasse wandte sich daraufhin über die Presse an Experten, um zu klären, was sie außer technischen Sicherheitsmaßnahmen noch zur Vorbeugung tun könne. “Von dieser Pressenotiz fühlte ich mich angesprochen”, erklärt Reinhold Jäger, der sich zuvor längere Zeit mit den Themen Gewaltvorbeugung und Gewalt an Schulen beschäftigt hatte. “Ich nahm mit der Geschäftsleitung Kontakt auf, führte ein paar Gespräche und entwickelte dann gemeinsam mit dem ZEPF zuerst das Beratungs- und danach das Seminarkonzept.”
Inzwischen wurde die psychologische Akut-Betreuung des Instituts bereits 25mal in Anspruch genommen.
Die Präventionsseminare für Bankkaufleute hat Reinhold Jäger zehnmal veranstaltet. 1999 sind insgesamt 20 weitere vorgesehen. Sie sollen die Mitarbeiter in den Zweigstellen umfassend auf den Ernstfall vorbereiten und ihnen Tips geben, wie sie den Räubern ihr Vorhaben erschweren und sie eventuell sogar von einem Überfall abhalten können.
Die Seminarteilnehmer lernen, welche Absprachen zwischen den Mitarbeitern der Bank getroffen werden müssen, um im Ernstfall Mißverständnisse zu vermeiden. “Ein wesentliches Ziel der Lehrgänge ist es, die Kommunikation der Filialangestellten untereinander, mit der Polizei und mit der Chefetage des Kreditinstituts zu verbessern”, erläutert Jäger. “Die Teilnehmer sollen lernen, mit der Gefahr bewußt umzugehen.”
Um sich auf alle denkbaren Situationen einstellen zu können, setzen sich die Bankangestellten intensiv damit auseinander, wie Überfälle im einzelnen ablaufen und wie sich die Täter dabei verhalten. Sie lernen, die Räuber nicht noch zusätzlich in Rage zu bringen. “Wer eine Bank überfällt, möchte seine mitgebrachten Plastiktüten schnell mit Geld gefüllt haben. Entscheidend ist es also, alles zu unterlassen, was dem im Wege steht”, betont Jäger. “Verzögerungen und Fehldeutungen müssen also auf jeden Fall vermieden werden.”
In Rollenspielen versuchen die Seminarteilnehmer, das Gelernte in die Praxis umzusetzen und auf ihren Arbeitsalltag zu übertragen. Dabei werden unterschiedliche Kommunikationssituationen simuliert. Trainiert wird auch das Verhalten unter großer Anspannung: Die Teilnehmer beobachten und beschreiben dabei ihre Gedanken und Gefühle sowie die Reaktionen ihres Körpers.
Denn die sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich: Manche klagen über schnellen Puls, Kopfschmerzen oder Schwindel, andere kämpfen mit Magenbeschwerden und Verdauungsproblemen. “Wer sich klargemacht hat, wie er auf extremen Streß reagiert, kann versuchen, bewußt damit umzugehen”, erklärt Dr. Gabriele Dlugosch, die zusammen mit Prof. Jäger die Beratungen leitet. Die Übungen dienen dazu, sich gedanklich und gefühlsmäßig mit einer Situation auseinanderzusetzen, die man möglichst vermeiden möchte. “Bei einem Ernstfall hilft das wirklich weiter”, versichert Dlugosch.
Möglicherweise offenbaren sich bei solchen Sitzungen aber auch völlig überraschende Einblicke. “Als ich in einer Seminarsitzung eine Streßsituation erzeugt habe, ist ein Bankangestellter, der vier Jahre zuvor einen Überfall miterlebt hatte, in Tränen ausgebrochen”, erzählt Jäger. “Der Mann hatte alles von sich weggeschoben. Im Seminar wurde das Trauma wieder manifest.” Daraufhin habe er sein persönlich angemessenes Verhalten im Ernstfall gelernt und geübt. Als er kurze Zeit später tatsächlich einen zweiten Bankraub miterlebten mußte, zeigte er sich dieser Situation gewachsen. “Er hat versucht, zwischen den Angestellten und den Tätern zu vermitteln und die Situation zu koordinieren”, freut sich Jäger. “Dadurch hat er die Lage merklich entspannt.”
Erschreckend ist, daß bis zu 50 Prozent aller Bewegungsmelder und Video-Überwachungskameras in den Banken nicht richtig funktionieren. “Dann heißt es, schleunigst dafür zu sorgen, daß solche Nachlässigkeiten nicht mehr vorkommen können”, fordert Jäger. Natürlich sollten auch die Angestellten genau darüber Bescheid wissen, wie die Geräte funktionieren und sie unauffällig aktivieren können, sobald sie verdächtige Beobachtungen machen.
Entscheidend für das gute Überstehen der brenzligen Situation ist letztlich aber die Kommunikation unter den Mitarbeitern. In jeder Bank muß das Personal die nötigen Absprachen für den Ernstfall treffen und dafür eine Checkliste erstellen.
So sollten mehrere Kollegen über einen Tresorschlüssel verfügen, damit gewährleistet ist, daß in den Räumen für den Kundenverkehr immer jemand den Schlüssel bei sich hat. Ebenso müssen sie vereinbaren, wie sie sich während eines Überfalls auch ohne Worte verständigen können. Gemeinsam herauszufinden, was jeder Mitarbeiter von seinen Kollegen und dem Filialleiter erwarten kann, verhindert im Ernstfall Enttäuschungen und Vertrauensverlust.
Zwischen Zweigstellen und Chefetage muß geklärt werden, ob die Mitarbeiter in den Filialen tatsächlich – wie es üblich ist – das Geld möglichst schnell herausgeben dürfen, um sich selbst zu schützen. Außerdem ist sicherzustellen, daß bei einem Fehlalarm keinerlei Sanktionen seitens der Geschäftsleitung drohen und daß die Angestellten dann keine Kosten für den fehlgeleiteten Polizeieinsatz und die diversen Notdienste zu übernehmen haben.
“Der wichtigste Rat für alle Bankangestellten lautet: Im Ernstfall nichts tun, was zu Verzögerungen und Mißverständnissen führt und die ohnehin prekäre Lage noch komplizierter machen könnte”, sagt Gabriele Dlugosch. “Man sollte möglichst ruhig und überlegt reagieren, einen kühlen Kopf bewahren und bewußt handeln.”
Andreas Knoll





