Sie rennen von einem Spezialisten zum nächsten, landen irgendwann bei Therapeuten mit fragwürdigen Behandlungsmethoden oder ziehen sich schließlich resigniert zurück. Die Rede ist von Menschen mit chronischen Gesundheitsstörungen unklarer Ursache, oft einem komplexen Gemisch aus seelischen und körperlichen Beschwerden – wie ständigen Schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Magen-Darm-Problemen oder Herzbeschwerden.
Zwar gewinnt die psychosomatische Betrachtungsweise in der Medizin zunehmend an Bedeutung, ein Trend, den Susan Swedo und Henrietta Leonard grundsätzlich begrüßen. Aber er hat, meinen die beiden amerikanischen Gesundheits-Expertinnen, auch seine gefährliche Seite. Wenn der Blick auf die Seele fixiert wird, ist der Arzt nicht mehr offen für die kreativen Gedankensprünge, die einen guten Diagnostiker ausmachen: Er fahndet in Psyche, Körper und Umwelt gleichermaßen nach Krankheitsursachen.
Das Buch ist ein Plädoyer für fachübergreifendes Denken und Handeln in der Medizin. Es will aber auch Patienten Mut machen, die mangels richtiger Diagnose keine wirksame Behandlung erhalten, immer wieder den Dialog mit Ärzten aufzunehmen. Swedo und Leonard beschreiben zahlreiche noch relativ unbekannte Ursachen komplexer Krankheitsbilder wie das chronische Müdigkeitssyndrom, Schlafphasen-Störungen oder Weichteilrheuma. Alle diese Erkrankungen können Depressionen hervorrufen, aber auch körperliche Symptome. Und sie können sowohl seelisch wie organisch bedingt sein und müssen entsprechend behandelt werden.
Bei der Patientin Jessica zum Beispiel hätte man eine psychische Störung oder Hormonveränderungen vermuten können. “Ich fühle mich eigentlich nur am Wochenende gut, wenn ich ausschlafen kann”, klagt sie, “ach ja, und wenn ich auf Geschäftsreise in Übersee bin.” Wie der Arzt herausfindet, leidet die Patientin an verspäteten Schlafphasen, an inneren Zeitverschiebungen, obwohl sie nicht verreist ist. Ihr Körper signalisiert ihr, daß es längst nicht so spät sei, wie die Uhr behauptet. Das Schlimmste, was sie tun kann, ist das, was sie am liebsten macht: am Wochenende ausschlafen. Auf Anraten des Arztes koppelt Jessica eine Speziallampe mit hoher Lichtintensität an ihren Wecker, der früh am Morgen klingelt. Nach ein paar Wochen ist sie mit ihrer Umwelt wieder in Einklang.
Die zahlreichen, ausführlich beschriebenen Fallbeispiele – erstaunlicherweise ausschließlich von Frauen – könnten manchen zu Selbst-Diagnose und Eigen-Therapie verleiten. Aber Vorsicht: Jede Geschichte ist anders, jede Krankheitsursache auch.
Susan Swedo, Henrietta Leonard ALLES NUR PSYCHISCH? Campus Verlag Frankfurt 1998 350 S., DM 48,-
Nicola Siegmund-Schultze




