„NACH EINEM HORRORTRIP auf LSD habe ich Ängste entwickelt, habe alles hinterfragt, war nervös und angespannt”, erinnert sich der 43-jährige Hotelfachmann Thomas Schönwasser. „Ich dachte, das geht vorbei.” Doch es kam anders: Die angeblichen Nachwehen des Horrortrips entpuppten sich als Beginn einer Schizophrenie. Diese Erkrankung, die etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung zumindest zeitweise trifft, quält die Betroffenen vor allem mit Wahnvorstellungen und Antriebslosigkeit. Jeden Zehnten treibt sie sogar zur Selbsttötung. Bis zu fünf Jahre vor dem Ausbruch treten unspezifische Anzeichen auf wie Ängste und sozialer Rückzug. Trotzdem werden die Erkrankten im Schnitt erst zwei Monate nach dem ersten Höhepunkt der Psychose behandelt. Ein großes Manko: Denn je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser kann Menschen wie Schönwasser geholfen werden.
2001 setzten sich der Mediziner Martin Hambrecht, damaliger Leiter des Früherkennungs- und Therapiezentrums für psychische Krisen (FETZ) in Köln, und seine Kollegen ein ehrgeiziges Ziel (bild der wissenschaft 5/2001, „Die Psyche gibt Frühalarm”): Wenigstens bei der Hälfte der Schizophrenie-Gefährdeten wollten sie den Ausbruch der Psychose durch Früherkennung komplett verhindern. Ein neuer Ansatz in Deutschland: Bevor Hambrecht zusammen mit dem Mediziner Joachim Klosterkötter das FETZ gründete, gab es – außer im australischen Melbourne – weltweit noch kein einziges Früherkennungszentrum für Psychosen.
„Wir hatten gehofft, wir könnten einen Marker finden, mit dem sich fast hundertprozentig eine Schizophrenie vorhersagen lässt”, erinnert sich Hambrecht und stellt fest: „Den gibt es wohl nicht.” Stattdessen beeinflussen Gene, Umwelt und Gehirn gemeinsam den Krankheitsausbruch. Wie sie beim Betroffenen zusammenspielen, erkundet der heutige FETZ-Leiter Stephan Ruhrmann. Bis jetzt kennen die Forscher vor allem Gruppenunterschiede. Um das Risiko für Schizophrenie beim Einzelnen einzuschätzen, stellen die FETZ-Mitarbeiter eine Reihe von Fragen.
Vor allem wollen die Kölner von den Ratsuchenden wissen, ob diese sogenannte Basissymptome bei sich beobachten – etwa Probleme, Gespräche zu verstehen. Es sind aussagekräftige Signale – laut einer Kölner Studie der Psychologin Frauke Schultze-Lutter entwickelt etwa jeder Vierte, der diese Merkmale zeigt, innerhalb des Folgejahres eine Psychose. Wenn nach mehrstündigen Interviews klar ist, dass der Ratsuchende ein erhöhtes Risiko trägt, bieten die FETZ-Mitarbeiter ihm Präventionsmöglichkeiten an.
Die Gabe von Medikamenten – von niedrig dosierten Neuroleptika, wie auch Schönwasser sie heute mit Erfolg nimmt –, befürworten die Helfer nur, wenn die Risikopatienten beispielsweise von beginnenden Wahnideen berichten. Leidet ein Ratsuchender nur unter den Basissymptomen, empfehlen sie zunächst eine kognitive Verhaltenstherapie – und seit Neuestem bietet auch Fischöl gute Perspektiven: In einer aufsehenerregenden ersten Studie wurde mit dem an Omega-3-Fettsäuren reichen Fischöl das Ein-Jahres-Übergangsrisiko der Probanden zu einer Schizophrenie drastisch reduziert.
Dem Ziel, jeden zweiten Ausbruch zu verhindern, sind das FETZ und die anderen deutschen Zentren – es gibt mittlerweile etliche, beispielsweise in Berlin, München und Göttingen – inzwischen sehr nahe. Allerdings nur bei Gefährdeten, die überhaupt ein Früherkennungszentrum aufsuchen – sei es aus eigenem Antrieb oder auf Drängen von Eltern, Ärzten oder Psychologen. FETZ-Chef Stephan Ruhrmann bringt es auf den Punkt: „Nur 30 Prozent der Schizophrenie-Patienten, die im Krankenhaus erstmals behandelt werden, haben vorher Hilfe gesucht. Das ist sehr wenig.” Hanna Drimalla ■





