Beim klassischen Unterricht in der Schule oder Universität präsentiert eine Lehrkraft den Schülern Inhalte, die diese passiv aufnehmen, während sie still im Unterrichtsraum sitzen. Die Covid-19-Pandemie hat dieses Konzept unterbrochen: Präsenzveranstaltungen waren in vielen Ländern der Welt über Monate hinweg nicht möglich; die Schüler und Studenten mussten sich Inhalte zu Hause erarbeiten – teils mit unzureichender Unterstützung. „Die Unterbrechung hat aber auch zu weitreichenden Diskussionen geführt, wie hochqualitatives Lehren und Lernen aussehen kann“, schreibt Brad Wible, ein Redakteur der Fachzeitschrift Science.
Neue Strategien zum Lehren und Lernen
Verschiedene Teams von Bildungsforschern haben nun in mehreren Science-Artikeln dargestellt, welche bekannten und neuartigen Methoden besonders gut zum Lernen geeignet sind. Dabei setzen sie alle auf Strategien, die darauf beruhen, die Lernenden einzubeziehen und zur aktiven Auseinandersetzung mit den Inhalten anzuregen. Den Autoren zufolge erleichtern es diese Strategien nicht nur dem Einzelnen, Inhalte besser zu verstehen und sich zu merken, sondern können auch soziale Ungleichheiten ausgleichen.
Ein Team um Elli Theobald von der University of Washington in Seattle hat herausgefunden, dass in Klassen, die den Schülern viele Gelegenheiten zum aktiven Lernen bieten, die Unterschiede zwischen Schülern aus sozial mehr oder weniger privilegierten Elternhäusern geringer ausfallen als in Klassen, die vorwiegend auf klassisches, passives Lernen setzen. „In Klassen, die zwei Drittel oder mehr der gesamten Unterrichtszeit mit aktivem Lernen verbrachten, verringerte sich der Unterschied zwischen den Schülern bei den Prüfungsergebnissen um 42 Prozent und bei der Bestehensquote um 76 Prozent im Vergleich zu Klassen, die kein aktives Lernen einsetzten“, so die Forscher.
Chancengleichheit und Angstfreiheit
Die verbesserte Chancengleichheit bei aktivem Lernen führen die Forscher nicht nur darauf zurück, dass diese Methode das Verständnis der Inhalte besonders gut fördert. Vielmehr gehen sie davon aus, dass auch die soziale Lernatmosphäre eine Rolle spielt. „Gerade Schüler, die Minderheiten angehören, profitieren überproportional von einer Kultur der Integration und Zugehörigkeit, in der die Lehrkräfte die Lernenden respektieren und sich für ihren Erfolg engagieren und in der die Gruppenarbeit ein Gefühl der gemeinsamen Zielsetzung und Gemeinschaft schafft“, schreiben sie.
Auch das Thema angstfreies Lernen könnte eine Rolle spielen, betonen Katelyn Cooper und Sara Brownell von der Arizona State University in Tempe. Sowohl aktives als auch passives Lernen könnte den Forscherinnen zufolge zu Stresssituationen führen, die dem Lernerfolg im Weg stehen. Beim passiven Lernen kann beispielsweise das unangenehme Gefühl entstehen, etwas womöglich als Einziger nicht verstanden zu haben. Beim aktiven Lernen wird dies durch den Austausch mit anderen vermieden. Dafür können Situationen, in denen Gruppen ihre Ergebnisse vor dem Plenum präsentieren müssen und dafür benotet werden, Stress erzeugen und die Lernatmosphäre unangenehmer machen. Die Forscherinnen regen an, dass Lehrkräfte überdenken, wie sich solche Situationen vermeiden lassen. „Es ist wichtig, aktives Lernen so zu gestalten, dass die Angst der Schüler vor einer negativen Bewertung minimiert wird, um den Nutzen für die Schüler zu maximieren“, so Cooper und Brownell.





