So standen wir am Fuß des Gemäuers der Pest, in deren todbringendem Schatten wir unseren Gewinn finden mußten”, schrieb Albert Camus 1947 in seinem Roman “Die Pest”. Jetzt gibt es Indizien dafür, daß ein Teil der Menschheit tatsächlich späten Gewinn aus der verheerenden Seuche erzielt. Denn eine Genmutation, die anscheinend durch die Pest im Mittelalter positiv selektiert wurde, gewährt Schutz vor einer großen Plage unserer Zeit – Aids.
Bereits seit einigen Jahren ist bekannt, daß manche Menschen sich nicht mit HIV infizieren, obwohl sie wiederholt dem Aids-Erreger ausgesetzt sind. Ursache dafür ist die Mutation eines Gens auf dem Chromosom 3. Wer diese Mutation von beiden Eltern geerbt hat, dem fehlt auf den Freßzellen des Immunsystems ein Eiweißmolekül, das dem HI-Virus als Angriffspunkt dient. Reinerbige Träger der Genmutation sind daher gegen normale HIV-Infektionen immun. Allerdings sind sie nicht vor einigen seltenen Virusstämmen geschützt, die andere Stellen der Freßzellen angreifen. Mischerbige Träger der Genmutation infizieren sich zwar, erkranken jedoch erst viele Jahre später an Aids als andere HIV-Positive.
Eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Stephen J. O’Brien vom National Cancer Institute im US-amerikanischen Frederick hat nun herausgefunden, daß die Verbreitung der Mutation in Europa ein deutliches Nord-Süd-Gefälle aufweist. 14 Prozent der Schweden, aber nur 4,4 Prozent der Griechen tragen wenigstens eine Kopie des schützenden Gens. In Deutschland sind es 10,8 Prozent.
Bekannt ist, wie schnell sich Mutationen normalerweise ausbreiten. Aus der heutigen Verbreitung eines veränderten Gens in der Bevölkerung können Wissenschaftler daher auf sein erstmaliges Auftreten schließen. Aus dem Vergleich der Gensequenzen von Menschen aus verschiedenen Erdregionen ermittelte die internationale Forschergruppe, daß die Genmutation auf Chromosom 3 bereits vor 130000 Jahren entstanden ist.
Doch erst vor 28 Generationen stieg die Häufigkeit der Mutation in der europäischen Bevölkerung sprunghaft an. Das war vor etwa 700 Jahren. “Damals muß etwas Außergewöhnliches geschehen sein – ein Ereignis mit extrem hohem Selektionsdruck”, folgert O’Brien.
Tatsächlich fällt die rapide Ausbreitung der Genmutation ziemlich genau mit der großen Pestepidemie zusammen, der Mitte des 14. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahre rund 30 Prozent der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel. Und wie das HI-Virus attackiert auch der Pesterreger – das Bakterium Yersinia pestis – die Freßzellen des Immunsystems.
Womöglich hat die Genmutation auf Chromosom 3 die Invasion der Pestbakterien erschwert, so daß die Träger dieses veränderten Gens die Seuche überlebten. Obwohl sie zunächst nur in der Minderheit waren, könnten solche Menschen nach dem großen Sterben einen beträchtlichen Anteil der Bevölkerung gestellt haben. Wer heute von Natur aus vor Aids geschützt ist, könnte demnach ein Nachfahre jener pestresistenten Menschen sein.
Doch der exakte Nachweis steht noch aus. Ob Menschen, die gegen HIV immun sind, tatsächlich von der mittelalterlichen Seuche profitieren, sollen jetzt Experimente mit Yersinia pestis an den Freßzellen des Immunsystems klären. Denn bis jetzt steht nicht fest, ob die Pestbazillen wirklich genau an dem gleichen Eiweißmolekül wie die HI-Viren angreifen.
Rüdiger Vaas




