Wer sich seine Universität schon während der Schulzeit aussucht, hat später bessere Karten.
Dieses zwölfte Schuljahr hatte es voll gebracht. Zwar gab es mit den Lehrern immer mal Stress. Aber die Leute in der Jahrgangsstufe waren gut drauf. Mit ihrem Freund Christian lief es ganz toll. Auch der Unterricht in ihrem Krefelder Gymnasium machte Anneli mitunter richtig Spaß. Anders als Christian und die meisten anderen in ihrer Jahrgangsstufe konnte sie sogar den Chemie- und Physikstunden etwas abgewinnen. Die Noten im Zeugnis fielen dementsprechend gut aus. Und dann war da noch die Astronomie-AG, die sie schon im zweiten Jahr besuchte und die in ihr größte Begeisterung entfachte. Faszinierend, was sich Wissenschaftler ausdenken, um hier unten auf der Erde erfassen zu können, was dort oben am Firmament vor sich geht. Sie bewundert Leute wie Arno Penzias, der die Kosmische Hintergrundstrahlung entdeckte, Steven Weinberg, dem es gelang, zwei Naturkräfte in einer Formel zu beschreiben, und Johannes Kepler, der die Gesetzmäßigkeiten der Planentenbewegungen um die Sonne entdeckt hatte.
Nach dem Abitur, das war Anneli nach diesem zwölften Schuljahr auf jeden Fall klar, wird sie sich für ein naturwissenschaftliches Studium einschreiben – vielleicht auch für Informatik. Dort wird sie ja wohl mit offenen Armen empfangen werden. Denn immer wieder hört sie, dass die Zahl der Studierenden in diesen Fächern so stark eingebrochen sei, dass bald der Notstand ausgerufen werden müsse.
Die letzten Wochen hatte Anneli dazu genutzt, um sich selbst ein genaueres Bild zu verschaffen. Was sie zu hören bekam, hat sie so manches Mal überrascht. Denn offenbar werden Erstsemester längst nicht überall so umworben, wie die Medien glauben machen. Der Fachbereich Informatik der Universität Rostock verhängte bereits einen Numerus Clausus, so groß ist der Andrang. Auch bei der Ludwig-Maximilians-Universität München ist man als Studienanfänger in Informatik kein gesuchtes Exemplar. 400 gibt es pro Semester. „Da wird es wohl bald einen Eignungstest geben”, sagte ihr Fachstudienberater Dr. Rolf Hennicker.
Für Biologen – so scheint es Anneli nach ihrer Recherche – trifft das allgemeine Lamentieren über Nachwuchssorgen schon gar nicht zu. „Wir haben überhaupt keine Nachwuchsprobleme”, hat ihr Prof. Dr. Bernhard Eikmanns vom Institut für Mikrobiologie der Universität Ulm erzählt. Zwei Professoren, so bekam sie zu hören, müssten hunderte von Studierenden unterrichten. „Das kann es ja wohl nicht sein”, winkt Anneli ab.
Würde sie sich dagegen für Physik an der Universität zu Köln entscheiden, sähe es in dieser Hinsicht schon besser aus. „Bei uns muss keiner auf der Treppe stehen”, meinte Dr. Bruno Roden, Fachstudienberater am Institut für Festkörperphysik bei ihrem Anruf.
Gut gefallen hat Anneli, dass junge Frauen von manchen Fachbereichen ganz besonders umworben werden. In Potsdam beispielsweise fand in diesem Jahr die erste Brandenburgische Sommeruniversität für Schülerinnen in Naturwissenschaft und Technik statt. Jungs hatten dort nichts zu suchen. Auch die Universität Ulm macht Frauen Mut sich für Naturwissenschaften zu entscheiden. Im September fand dort das „1st uni ulm summer camp” statt. Mit Schlafsack und Isomatte zogen junge Frauen für eine Woche in die Uni ein, um sich Informationen über die Rolle von Frauen in Naturwissenschaft und Technik zu holen.
Anneli will vor der Entscheidung für ein Studienfach noch ausloten, was sie später mit ihrem Studium anfangen und worauf sie sich spezialisieren kann. Sie merkt bald, dass sie die Qual der Wahl hat. In München beispielsweise kann man auf zwei Arten Informatik studieren – auf die harte Tour an der TU, wo die elektrotechnische Seite betont wird, oder an der Ludwig-Maximilians-Universität, wo der kommunikations-wissenschaftliche Aspekt im Vordergrund steht. Informatik kann hier mit Philosophie oder Linguistik kombiniert werden.
Im Hinblick auf den späteren Berufseinstieg bietet auch Potsdam ein gutes Umfeld. Dort arbeiten neben den Uni-Instituten gleich mehrere ganz moderne Max-Planck-Institute: das für Gravitationsphysik, das für Molekulare Pflanzenphysiologie und das für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Auch die Fraunhofer-Gesellschaft ist mit einem Institut vertreten: Angewandte Polymerforschung. Hierzu bietet wiederum die Universität Potsdam ein besonderes Highlight: einen englischsprachigen Masterstudiengang „Polymer Science”. „Etwas anstrengend vielleicht”, denkt sich Anneli, „aber dann doch die allerbesten Voraussetzungen, um eine wissenschaftliche Karriere in den USA zu beginnen” – mit all den unbegrenzten Möglichkeiten, die sich ihr dann bieten würden.
Warum ausgerechnet Potsdam?” hört sie ihren Freund Christian schon stöhnen. „Das ist mir zu weit von Zuhause weg.” „Na ja”, denkt Anneli, „einigermaßen kompatibel mit Christian soll das Studium schon sein.” Dann wäre es doch eher angesagt ein Fach zu wählen, das an vielen Unis angeboten wird. So können sich Anneli und Christian für eine gemeinsame Uni entscheiden, auch wenn jede(r) etwas anderes studiert. „Vielleicht wäre es das Beste ein grundsolides Physikstudium hinzulegen”, überlegt Anneli. Die Chancen, damit später einen – auch finanziell – ausbaufähigen Job zu finden, seien gut, hörte sie ja immer in der Berufsberatung. Vielleicht könnte sie sich dann auch auf ihr Lieblingsfach Astronomie spezialisieren. „In Deutschland gibt es keine Universität, in der man Astronomie als selbständiges Fach studieren kann”, sagt Professor Heinrich Johannes Wendker von der Universität Hamburg. „Man studiert es innerhalb der Physik. An manchen Universitäten, etwa in Hamburg, kann man aber im Fach Astronomie promovieren.” Die Chancen, danach im Berufsleben unterzukommen, seien so schlecht nicht, hört Anneli zu ihrem Erstaunen. „Es hat noch niemandem geschadet, Astronomie zu studieren”, erklärt der Hamburger Astrophysiker. „Astronomen haben die gleichen Chancen wie andere Physiker auch, vielleicht sogar noch bessere, denn Astronomen brauchen für ihr Fach tief greifende Computerkenntnisse und daher sind sie nach ihrem Abschluss äußerst interessant für die ganze IT-Branche.” Das hört Anneli gerne, umso mehr, als man sich in vielen Universitäten auf Astronomie spezialisieren kann. „Kiel, Hamburg, Göttingen, Berlin, Potsdam, Jena, Bochum, Köln, Bonn, Heidelberg, Freiburg, Tübingen, Würzburg, München” – Wendker macht auf Annelis Frage mit ihr eine Reise durch die ganze Republik.
Also beschafft sich Anneli konkrete Informationen über ein Physikstudium in Universitäten mit guten Astronomie-Instituten. Schnell hat sie herausgefunden, dass die meisten Unis im Internet mit der Formel www.uni- xystadt.de zu erreichen sind. Anneli beginnt ihre Informationsreise im Norden, auf der Site der Universität Hamburg (www.uni-hamburg.de). Dort bekommt sie sofort einen guten Überblick. Gleich auf der Eingangsseite findet sich eine große Link-Sammlung zu allen interessanten Themen. So ist sie mit zwei Mausklicks bei einem Überblick über die in Hamburg studierbaren Fächer und die möglichen Abschlüsse. Ein anderer Link bringt sie zu den Semesteranfangsterminen. Auch Fragen der Zulassung kann sie gleich klären. Sogar konkrete Ansprechpartner und Telefonnummern werden genannt. Auch das Vorlesungsverzeichnis für Physik kann sie auf diesem Weg abrufen: Drei Mausklicks und schon ist sie drin.
Auf der Site der Uni Köln (www.uni-koeln.de) ist es nicht ganz so einfach: Zu einem Überblick über den Fachbereich gelangt sie zwar mit drei Mausklicks, aber die Semestertermine sind gut hinter „Orientierungshilfen” und „Studium” verborgen. Dass das Vorlesungsverzeichnis hinter „Verwaltung” liegt, muss sie auch erst einmal herausfinden.
Ziemlich gut strukturiert ist dagegen wieder die Website der Uni Potsdam. Mit drei Mausklicks ist sie im physikalischen Institut, dort findet sich auch gleich das Vorlesungsverzeichnis. Mit zwei weiteren Mausklicks kommt sie zu Terminen und Zulassungsfragen. Diese allgemeinen Studieninformationen kann man sich dort zusätzlich als pdf-Datei herunterladen. Auf der Site der Uni Würzburg prangt gleich auf der Eingangsseite rechts oben ein Link, der zum allgemeinen Vorlesungsverzeichnis führt. Dafür gelangt man allerdings erst zu den Semesterterminen, wenn man „ Termine” in die Suchmaschine eingibt und von den Resultaten das Siebtwichtigste anklickt.
„Also, auf manchen Uni-Websites kann man sich echt ‘nen Wolf klicken”, sagt Anneli zu Christian. „Es wird wohl nichts daran vorbeiführen, genau zu überlegen, welches Fach mit welchen Schwerpunkten wir studieren wollen. Dann ziehen wir los, um uns an Ort und Stelle einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Glücklicherweise haben wir beide dazu noch genügend Zeit.”
Doris Marsk





