Der Stammbaum des Menschen ist komplex und lückenhaft: Sowohl in der Ära der Vor- und Frühmenschen als auch beim frühen Homo sapiens scheint es viele ganz unterschiedliche Varianten gegeben zu haben, deren Verwandtschaft und Position im Stammbaum oft unklar ist. So glaubte man lange Zeit, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens erst vor rund 200.000 Jahren in Süd- oder Ostafrika entstanden – bis dann 2017 im marokkanischen Jebel Irhoud ein gut 300.000 Jahre altes Fossil eines frühen Menschen gefunden wurde. Erschwerend kommt dazu, dass sich alle bisher bekannten Homo sapiens-Fossilien anatomisch deutlich unterscheiden: Der Schädel aus Marokko ähnelt in manchen Aspekten eher dem Neandertaler, während die 160.000 bis 200.000 Jahre alten Schädelfunde im äthiopischen Omo und Herto dem modernen Menschen schon sehr ähnlich sind. Andere frühe Fossilien des Homo sapiens zeigen dagegen ein Mosaik aus archaischen und modernen Merkmalen.
Virtueller Schädel des allerersten Homo sapiens
Diese Vielfalt macht es schwer herauszufinden, wie der allererste Vertreter unserer Spezies ausgesehen haben könnte – der letzte gemeinsame Vorfahre aller Homo sapiens-Varianten. Um dieses Problem zu umgehen, haben nun Aurelien Mounier vom Nationalen Museum für Naturgeschichte in Paris und Marta Lahr von der University of Cambridge einen statistisch-anatomischen Ansatz gewählt: Mithilfe eines Computerprogramms verglichen sie die anatomischen Details von 263 Schädeln aus 29 verschiedenen Populationen des Homo sapiens, darunter acht aus der Frühzeit unserer Art. Zunächst ordneten sie die Homo sapiens-Populationen auf Basis dieser anatomischen Merkmale in einem Stammbaum ein. Diesen verglichen die Forscher dann mit einem Stammbaum unserer Spezies, der aufgrund von genetischen Merkmalen erstellt worden war. “Unsere Ergebnisse zeigen, dass die in unserer Studie genutzten phänotypischen Daten sehr gut zur genetischen Geschichte passen”, berichten Mounier und Lahr.
Im zweiten Schritt nutzten die Forscher nun die anatomischen Merkmale der verschiedenen Homo-sapiens-Formen und ihre zeitliche Einordnung, um daraus das Aussehen des letzten gemeinsamen Vorfahren aller dieser Varianten zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist ein dreidimensionales Schädel-Modell, das die Kopf- und Gesichtsform unseres möglichen Urahns zeigt. Obwohl dieser Ur-Homo-sapiens vor mehr als 300.000 Jahre gelebt haben muss, zeigt er schon relativ viele moderne, für den Homo sapiens typische Merkmale, wie Mounier und Lahr berichten. So besaß er bereits einen runden Hirnschädel mit relativ hoher Stirn und eher schwachen Überaugenwülsten. Die Mundpartie war bei diesem ersten Homo sapiens zudem weniger vorgewölbt als bei vielen Frühmenschen. Aber auch einige noch archaische Merkmale besaß unser Urahn, darunter eine leichte Senke hinter den Brauenwülsten und einen nur schwach ausgeprägten Vorsprung am Schläfenbein.





