Eine kleine unscheinbare Treppe führt hinab vom Chorraum der Stadtkirche Jever in eine jahrhundertealte Gruft. Hier, rund 2,40 Meter unterhalb des Denkmals für den großen Jeverländer Häuptling Edo von Wiemken dem Jüngeren (†1511), befindet sich die Familiengruft der Wiemken-Dynastie. Als diese im Herbst 2025 anlässlich von Renovierungsarbeiten geöffnet wurde, nutzte die örtliche Historikerin Antje Sander die Gunst der Stunde, um einer uralten Legende auf den Grund zu gehen: Derzufolge war Maria von Jever, die letzte Regentin der Dynastie, eines Tages in einem Geheimgang unterhalb ihres Schlosses verschwunden – und blieb es für alle Zeit.
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von Rolf Heßbrügge
Eine kleine unscheinbare Treppe führt hinab vom Chorraum der Stadtkirche Jever in eine jahrhundertealte Gruft. Hier, rund 2,40 Meter unterhalb des Denkmals für den großen Jeverländer Häuptling Edo von Wiemken dem Jüngeren (†1511), befindet sich die Familiengruft der Wiemken-Dynastie. Als diese im Herbst 2025 anlässlich von Renovierungsarbeiten geöffnet wurde, nutzte die örtliche Historikerin Antje Sander die Gunst der Stunde, um einer uralten Legende auf den Grund zu gehen: Derzufolge war Maria von Jever, die letzte Regentin der Dynastie, eines Tages in einem Geheimgang unterhalb ihres Schlosses verschwunden – und blieb es für alle Zeit.
Geschichtsforscher gehen allerdings davon aus, dass die kinderlose „Maria von Jever“ wie sie landläufig genannt wird, mit 75 Jahren verstarb und in der Gruft beigesetzt wurde. Diese Gruft musste nun 2025 geöffnet werden, um einem am darüberliegenden Edo-Wiemken-Grabmal entstandenen Riss nachzugehen. Es zeigte sich, dass auch das weiße Deckengewölbe der Drei-Quadratmeter-Gruft gerissen war und Feuchtigkeit, vielleicht durch einen Wassereinbruch, der Gruft sehr geschadet hat. Auf massiven Kanteisen standen verfallene, teils ineinander verschobene Fragmente von vier hölzernen Beinsärgen, wie sie üblicherweise für Umbettungen von Toten genutzt wurden, um in den engen Grüften Platz für weitere Familienmitglieder zu schaffen. Datiert waren die 95 Zentimeter langen Kisten allesamt mit 1562: dem Jahr, in dem die Gruft fertiggestellt worden sein dürfte. Inmitten dieses Arrangements, leicht erhöht, thronte ein ebenfalls stark zerfallener, undatierter Einzelsarg von rund 180 Zentimetern Länge. War es der von Maria?
Spurensuche im lnstitut
Sämtliche wissenschaftlich verwertbaren Gebeine aus Jever landeten auf dem Tisch von Birgit Großkopf. Die Anthropologin von der Universität Göttingen geht bei ihrer Arbeit hoch systematisch vor. Zunächst überlegt sie, wie sich die Knochen von der Fundsituation her zuordnen lassen. „Anschließend lege ich das Material aus und prüfe: Wie gut ist es erhalten? Haben wir hier Überreste von einer oder mehreren Personen? Sind die Skelette vollständig?“ Gibt es Auffälligkeiten, etwa Verletzungs- oder Krankheitsspuren, die mit historischen Beschreibungen übereinstimmen? Dann erst geht es an die eigentliche Arbeit: die Erforschung der Identität(en). „In der Regel untersuchen wir die Frage, ob gewisse Überreste tatsächlich einer bestimmten Persönlichkeit oder Gruppe zuzuordnen sind“, so Großkopf. „Das kann man eigentlich nie mit absoluter Sicherheit bestätigen. Aber man kann mitunter sagen: Ja, unsere Ergebnisse passen 100-prozentig zu den historischen Beschreibungen.“
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Manche Untersuchungen kommen jedoch zu spät. So auch im Falle der Maria Wiemken. Die (vermeintlichen) Gebeine der Regentin schafften es nicht mehr bis zu Birgit Großkopf. „Leider bestanden die im Einzelsarg gefundenen Knochen nach Aussage der Ausgräber nur noch aus Brushit“, bedauert die Forscherin: „Dieses bröselige weiße Knochen-Abbauprodukt lässt keine Analysen zu.“
In Jever zeigte sich jedoch auch, wie nahe wertloses und wissenschaftlich brauchbares Knochenmaterial mitunter beieinanderliegen: Eine der vier kleineren Beinkisten, die nach Einschätzung von Historikern Gebeine von Familienangehörigen enthalten mussten, brachte ein nahezu vollständig erhaltenes Frauenskelett zutage. Ein solcher Fund ist ein wahres Archiv: Die Morphologie der Knochen (Form, äußere Struktur und Gestalt), ihre Histologie (innere Struktur), mögliche krankhafte Veränderungen sowie eventuell noch vorhandene DNA können solide Identitätshinweise liefern: Das für das Frauenskelett ermittelte Sterbealter – circa 40 Jahre – passte zu Marias Schwester Anna Wiemken, die laut Geschichtsschreibung mit 36 Jahren verstarb und als körperlich schwächlich galt. Zahlreiche pathologische Veränderungen der Knochen stützten diese Hypothese. In einer anderen Beinkiste fanden sich die Überreste eines männlichen Individuums mit höherem Sterbealter. Sie dürften zu Marias Vater Edo gehören, der 57 Jahre alt wurde.
Also könnte es doch Maria sein, die in dem großen Sarg bestattet wurde. Zumal der Sarg deutlich jünger ist als die Beinkisten. Möglicherweise hat Maria veranlasst, die Gebeine ihrer Familie in die Beinkisten umzubetten, als sie ihre eigene Grablege errichten ließ.
Bestimmung von Geschlecht und Alter
Birgit Großkopf beginnt routinemäßig mit den morphologischen Analysen: „Das Geschlecht lässt sich am besten über das Becken bestimmen. Frauenbecken sind evolutionär an die Erfordernisse von Geburten angepasst, somit ausladender als Männerbecken.“ Männerskelette weisen dagegen tendenziell längere, robustere Langknochen auf, etwa im Oberschenkel. „Männer haben zudem eine tendenziell robustere Kinnregion, größere Überaugenwülste sowie stärkere Nackenmuskel-Ansätze.
Auch für die Sterbealter-Bestimmung sind die Schädel wertvoll, dank der sogenannten Schädelnähte, die dem Kopf ein langes Wachstum ermöglichen: „Bestimmte Nähte beginnen sich bereits nach Eintritt ins Erwachsenenalter zu verschließen, andere mit circa 40, wieder andere erst ab 50 Jahren“, verrät Großkopf, die auch am Schambein gute Ermittlungsansätze findet, genauer gesagt an der aus Knorpel bestehenden Verbindungsscheibe zwischen den beiden Schambeinen an der Beckenvorderseite: „Die Oberflächen der Symphysen sind im jungen Alter recht wellenförmig, werden später durch Abnutzung flacher und sind bei über 50-Jährigen meist konkav.“ Weitere Alterungskennzeichen sind die Randleisten an den Wirbelkörpern, die sich durch den Abbau der Bandscheiben bilden können, verknöcherte Rippenknorpel, abgenutzte Zahnoberflächen sowie Zahnwurzeln, die durch altersbedingten Rückgang der knöchernen Zahnfächer frei liegen (Parodontose). „Je mehr Merkmale wir finden, desto präziser können wir das Sterbealter eingrenzen“, sagt Großkopf. Deshalb untersucht sie auch die inneren Strukturen der Knochen – im sogenannten histologischen Querschnitt. Menschliche Knochenzellen werden circa alle sieben Jahren komplett ausgetauscht, in diesen Zyklen wandelt sich auch die innere Knochenstruktur: „Kinderknochen sind noch rein lamellar angeordnet“, so die Expertin, „dadurch brechen sie im Vergleich zu älteren Knochen mit einem anderen Bruchmuster. Knochen von Jugendlichen und von 20- bis 40-Jährigen weisen dagegen eine zunehmend dichtere, sogenannte Osteonenstruktur auf, die nur noch außen von Lamellen umgeben ist. Zwischen 40 und 60 finden sich im Querschnitt ausschließlich Osteonen, ab 60 werden Knochen dann zusehends poröser.“
Doch nicht immer lässt die innere Struktur noch Untersuchungen zu: „Oftmals werden Knochen im Laufe der Jahrhunderte innerlich durch Mikroorganismen zerstört“, bedauert Birgit Großkopf, „auch das stellt man meist nur bei mikroskopischer Betrachtung fest.“ In solchen Fällen bleibt zur histologischen Altersbestimmung noch das Zahnzement: eine mineralisierte Hartsubstanz, welche die Zahnwurzel ins Zahnfach einbettet und dort verankert. „Das Zahnzement ist nicht anfällig für mikrobielle Zersetzung und weist, ähnlich wie Baumscheiben, im Querschnitt jährliche Zuwachsringe auf“, erklärt Birgit Großkopf. „Doch die Zementschicht ist insgesamt maximal 100 Mikrometer dick, daher sind die Zuwachsringe extrem schwierig zu zählen. Das ist erstens eine Frage der Mikroskop-Qualität, zweitens gibt es nur wenige Experten, die das können.“ Und auch die sichern sich ab, indem sie mehrere Querschnitte machen, jeweils die Ringe zählen und schließlich einen Mittelwert errechnen.
Die Identifizierung von St. Severin
Im Fall des Kölner Stadt-Schutzpatrons St. Severin nutzte Birgit Großkopf ein weiteres Analyseverfahren: die Radiokarbon- oder C14-Datierung. Dieses massenspektrometrische Messverfahren macht sich die Erkenntnis zunutze, dass die Menge an gebundenen 14C-Atomen im kurzlebigen organischen Material wie Knochen oder pflanzlicher Materie gemäß Zerfallsgesetz exponentiell abnimmt. Anhand der Zerfallskurve lässt sich somit der Zeitraum ermitteln, in dem ein Individuum sein Dasein fristete. Bei Severin war dies laut C14-Daten vor rund 1.600 Jahren. Dies stimmte mit dem historisch überlieferten Todeszeitpunkt Severins – 403 n. Chr. – überein. Bereits zuvor hatte die Untersuchung einer noch vorhandenen Zahnwurzel erbracht, dass die betreffende Person mit circa 55 Jahren verstorben war. Auch das passte zur überlieferten Lebensgeschichte des Severin, der 376 n. Chr. in Köln ein Kloster geweiht und später dort seine letzte Ruhe gefunden haben soll. Heute erhebt sich das prächtige Mittelschiff der Basilika St. Severin über Severins Schrein.
Weitere Informationen über Severin erbrachte eine Strontium-Isotopenanalyse in einem Mannheimer Speziallabor: Strontium, ein Erdalkalimetall, wird vom Körper in Knochen und Zähnen eingebaut und besitzt vier verschiedene Isotope, also Varianten: Die Relation der Isotopenvarianten zueinander gibt Hinweise auf das regionalspezifische Alter des untergründigen Gesteins und wird auch im dortigen Trinkwasser, in Pflanzen, Tieren sowie im Menschen als oberstem Glied der Nahrungskette abgebildet. Dadurch erfuhren Großkopf und ihr Team, dass Severin sowohl als Kind wie auch im Alter linksrheinisch gelebt haben dürfte. Darauf ließ zum einen der Zahnschmelz schließen, der bereits im jungen Alter voll ausgebildet ist. Zum anderen zeigten es die Knochen, deren Isotopensignatur verrät, wo sich die betreffende Person in ihrem letzten Lebensabschnitt aufhielt – auf Basis der Knochenerneuerung alle sieben Jahre.
Fragt sich: Ist so viel Untersuchungsaufwand gerechtfertigt? „Grundsätzlich gibt es meist wenig Grund, an historischen Überlieferungen zu Ruhestätten zu zweifeln“, räumt Birgit Großkopf ein, „zumal jede Graböffnung auch eine Störung der Totenruhe ist. Da gilt es abzuwägen.“ Mitunter bestünden jedoch Fragen zur genauen Identität der Gebeine. Auch würden manchmal Verschollene gesucht.
Wo ist Adolf von Nassau-Dillenburg?
So ist etwa die Grabstätte des 1568 in der Schlacht von Heiligerlee gefallenen Adolf von Nassau-Dillenburg unbekannt: Historiker vermuten, dass der Graf, der nur etwa 29 Jahre alt wurde, von seinen Mitstreitern bewusst an einem geheimen Ort bestattet worden war, um Grabschändungen zu verhindern. Der niederländische Geschichtsforscher Lammert Doedens stieß jedoch auf Spuren, die zur Oldenburger Lamberti-Kirche führten. In der dortigen Gruft fand sich 2016 ein 1932 angelegter Sammelsarg mit Überresten von mindestens 32 Individuen. Einige davon kamen aufgrund der von Großkopf durchgeführten Knochenanalysen als Überreste Adolfs in Frage. Ihre Kolleginnen vom Göttinger Anthropologischen Institut sicherten zudem DNA aus Zahnwurzeln, die besonders langlebige Erbinformations-Archive darstellen.
Für einen genetischen Fingerabdrucksvergleich benötigte das Team jedoch noch die DNA eines nahen Verwandten. Deshalb wurde 2017 der Sarg von Adolfs Neffen Graf Johann VII. von Nassau-Siegen in der Siegener Stadtkirche geöffnet – vergeblich. Von dem schlecht erhaltenen Skelett konnte keine DNA mehr gewonnen werden. „DNA ist ein organisches Material, das nicht unbegrenzt haltbar ist“, bedauert Großkopf. „Da muss man Glück haben – und vor allem: günstige Konservierungsbedingungen vor Ort, am besten kühl mit konstanter Luftfeuchtigkeit.“
2020 hatte das Forscherteam mehr Fortune: In der gut durchlüfteten Gruft der Stadtkirche von Dillenburg öffnete man den Sarg von Erbprinz Heinrich August Wilhelm (1700–1718), einem Nachfahren von Adolf in direkter männlicher Linie. Dem gut erhaltenen Skelett konnte Großkopf zwei Zähne mitsamt Wurzeln entnehmen.
Umso ernüchternder war das Resultat des DNA-Abgleichs: keine Übereinstimmung. „Wir haben somit keinen Beweis dafür gefunden, dass Adolfs Gebeine in Oldenburg liegen“, stellt die Forscherin fest, betont jedoch: „Das ist allerdings kein Gegenbeweis. Schließlich gab es zu allen Zeiten sogenannte Kuckuckskinder.“ Es ist nicht sicher, wer der wirkliche biologische Vater des Verschollenen war. Zudem konnte in Oldenburg nicht von allen Gebeinen ein genetischer Fingerabdruck ermittelt werden, weil das Material teils zu schlecht war. Ferner, so Großkopf, sei es möglich, dass etwa beim Anlegen des Sammelsargs vor knapp 100 Jahren Knochen abhandengekommen waren, darunter eventuell jene des Adolf von Nassau. Manchmal ist es eben kompliziert und die Forschenden brauchen einen langen Atem. ■
Maria von Jever und ihre Familie
Maria von Jever wurde im Jahr 1500 in Jever geboren. Als sie ein Jahr alt war, starb ihre Mutter Heilwig bei der Geburt der Schwester Dorothea. Maria hatte noch zwei ältere Geschwister, die Zwillinge Christoph und Anna. Als 1511 auch der Vater Edo von Wiemken nach schwerer Krankheit starb, übernahm Marias Onkel, Graf von Oldenburg, die Vormundschaft für die Waisen. Christoph erhielt als zukünftiger Häuptling des Jeverlands am Hof von Lüneburg eine ritterliche Ausbildung. Doch mit 18 Jahren starb er unerwartet – Spekulationen nach war es ein Giftanschlag. Die Schwester Dorothea starb wenige Jahre später, wohl infolge eines Reitunfalls.
Nachdem Pläne zur Verheiratung von Anna und Maria immer wieder gescheitert waren, wurde Maria 1531 erstmals selbst politisch aktiv und schloss einen Vertrag mit ihrem Vetter zum gegenseitigen Schutz vor Ostfriesland, dessen Übernahmeversuche sie zeitlebens abwehrte. 1532 trat Anna ihre Ansprüche als Erbfräulein an Maria ab. Vier Jahre später starb die immer schon kränkliche Anna. Eine wohl von Maria selbst geplante Heirat kam nicht zustande, da ihr Verlobter davor im Kampf fiel.
Als die kinderlose Maria mit 75 Jahren starb, hatte sie Jeverland den Grafen von Oldenburg vermacht. Marias Tod soll aus Furcht vor Einmischung der ostfriesischen Grafen einige Zeit verheimlicht worden sein – die zu ihrem Zimmer gebrachten Mahlzeiten habe ein Vertrauter gegessen. Erst nachdem der testamentarisch eingesetzte Erbe eingetroffen war, bestattete man das „edle und wolgebohrene Froichen Maria tho Jever, Rüstringen, Ostringen und Wangerland“ in der jeverschen Kirche. So die Überlieferung – doch laut der Legende ist sie nicht tot, sondern wandelt noch immer durch das Schloss.
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