Dass diese subjektiv anthropozentrische Sichtweise hin und wieder auch die Bewertung von Resultaten der vermeintlich objektiven Naturwissenschaften verzerren kann, war bereits kurz Thema in dieser Kolumne (Heft 12/2022). Nicht ausgeführt wurde damals jedoch, dass solche menschzentrierten Fehlbewertungen bisweilen für großen Ärger in der sogenannten Scientific Community sorgen. Darum soll es im Folgenden gehen.
Neu – für wen?
Besonders empfänglich für diese Art Fehlbewertung ist das gesamte Konglomerat aus Disziplinen der biologischen und medizinischen Forschung, das man heute als „Lebenswissenschaften“ zusammenfasst. Regelmäßig verfallen deren Vertreter hier dem anthropozentrischen Lapsus, dass man frisch gewonnene Erkenntnisse über die Biologie des Menschen als „vollkommen neu“ bejubelt. Und dabei ignoriert, dass man das prinzipielle Phänomen womöglich bereits schon lange von anderen Organismen kennt.
Ein schönes Beispiel lieferten vor einigen Jahren US-Forscher, als sie auf einer Tagung einen völlig neuen Typ der Zellteilung vorstellten, den sie in Kulturen von Netzhautzellen des menschlichen Auges beobachtet hatten. „Klerokinese“ nannten sie ihn – und phantasierten im Tagungsband weiter darüber, dass diese „neu entdeckte Form der Zellteilung helfen könnte, Krebs zu bekämpfen“.
Der Clou an der Sache ist nämlich, dass „entartete“ Zellen, die wegen einer vorzeitig abgebrochenen Zellteilung zwei Zellkerne beherbergen, im nächsten Teilungszyklus mittels Klerokinese trotzdem gesunde Tochterzellen mit jeweils nur einem Kern produzieren. Im Prinzip fungiert Klerokinese also als „Reparatur-Teilung“, durch die das Entstehen von Zellen mit falschen (aneuploiden) Chromosomensätzen verhindert wird.
Eine spannende Erkenntnis allemal – vor allem, da man Zellteilungspannen seit jeher verdächtigt, ein Haupt-Entstehungsmechanismus für Tumorbildung zu sein. Nur, ist Klerokinese wirklich neu? Zumindest der englische Zellbiologe und Krebsforscher Robert Insall erhob umgehend Einspruch. In einem Kommentar in der Fachzeitschrift Nature Medicine schrieb er:
„Das gesamte Phänomen wurde bereits in den Siebzigerjahren in dem Schleimpilz Dictyostelium beschrieben – und seitdem mehrfach noch woanders. Man bezeichnet diese Art Zellteilung als ‚Typ III-Zytokinese’ oder traktionsvermittelte Zellspaltung (Cytofission). Ein Unterschied zwischen diesem Teilungsprozess im Schleimpilz und demjenigen, den die Autoren jetzt ‚Klerokinese’ nennen, ist nicht zu erkennen. Sie ist also nicht ‚neu’ im üblichen Sinne des Wortes! Vielmehr hat sich umgekehrt wieder einmal gezeigt, dass ein biologischer Vorgang, von dem man dachte, er sei spezifisch für einen Modellorganismus, in Wirklichkeit universell vorkommt.“





