Dreidimensionales Fernsehen ohne 3D-Brille – neue Techniken sollen den Massenmarkt erobern.
Wer in einem IMAX-Kino einen Film in drei Dimensionen sehen möchte, kommt um die Shutter-Brille nicht herum – jene Brille, die das linke und das rechte Auge abwechselnd mit Sequenzen versorgt. In Jena drehte die Firma 4D-Vision GmbH nun den ersten 3D-Fernsehfilm, dessen räumliche Szenen auch ohne Brille zu sehen sind. Mit acht Kameras aufgenommen, bietet der Trailer einen plastischen Einblick von Jenas Innenstadt. Zu sehen sind etwa der 130 Meter hohe Uniturm oder ein Feuerschlucker, der seine Flammen dem Betrachter entgegenspeit. Die Technik heißt Autostereoskopie. Ein Filter auf dem Flachbildschirm schreibt den Bildpunkten vor, in welcher Richtung die Lichtwellen sich ausbreiten dürfen. Das Ergebnis: Das rechte Auge sieht eine andere Perspektive als das linke – ein dreidimensionales Bild entsteht. Statt heute circa 10000 Mark soll der 3D-Schirm in wenigen Jahren erheblich billiger sein – und so den Massenmarkt erreichen. Mehrere Betrachter können dabei von einer beliebigen Position aus auf den Bildschirm schauen – den 3D-Effekt hat jeder Zuschauer, da genug Perspektiven aufgenommen wurden. Echtes Pantoffelkino also.
Doch die Technik hat ihre Tücken: Die Feinjustierung des Filters bei der Herstellung ist ziemlich aufwendig. Außerdem fordern die acht Kameras Tribut: „Die Auflösung des Bildes sinkt wegen der vielen Perspektiven”, gibt Siegmund Pastoor zu bedenken. Der Projektleiter der Abteilung Interaktive Medien des Heinrich-Hertz-Instituts für Nachrichtentechnik in Berlin forscht seit Jahren selbst an autostereoskopischen Geräten. Pastoor nimmt nur zwei Kameras zu Hilfe: „Die Bildqualität ist besser.” Denn im Vergleich zu acht Kameras ist für jede Perspektive die vierfache Menge an Bildpunkten vorhanden. Das Bild wird heller und präziser. Um allerdings einem Betrachter dieses optimale Sehen zu ermöglichen, ist Aufwand nötig: Ein sogenanntes Head-Tracking-System bestimmt die genaue Augenposition des Zuschauers und stellt sich darauf ein. Dazu wird eine Stereomaske vor dem Flachbildschirm angebracht. Eine Kamera im 3D-Display mißt die Bewegungen des Zuschauers 50mal in der Sekunde und führt das Bild der Position des Betrachters nach. Pastoor: „Ein Blinzeln genügt, und der Computer hat die Position registriert.” Ein solches System kann sich allerdings nur auf einen einzigen Betrachter einstellen, ist also keine Alternative für den Massenmarkt.
Zur Zeit arbeitet Pastoor an einem Nachfolgemodell, das erheblich billiger sein soll als der jetzige Prototyp, der 20000 Mark kostet. Zu diesem Zweck will Pastoor die Firma Perspective Technologies GmbH gründen, die das Head-Tracking-System sowie die Stereomaske marktreif machen soll. Armin Grasnick, Geschäftsführer der 4D-Vision GmbH, wähnt sich im Vorteil: „Wir hatten von Beginn an den Markt fest im Auge.” Die Serienproduktion soll mit 1000 Geräten noch in diesem Jahr beginnen – mit 3D-Monitoren in drei verschiedenen Größen. „Dann wird der Preis purzeln”, meint der Ingenieur für Technische Optik, der bei Carl Zeiss vor der Wende Feinoptiker lernte. Grasnick hat seine Idee in einer kleinen Jenaer Werbeagentur ersonnen, „um Präsentationen interessanter zu machen”. Er möchte den Markt aber nicht auf Werbung und Marketing beschränken. So gehören inzwischen der Ultraschallgeräte-Hersteller Toshiba Medical Systems sowie das ZDF zu den Partnern des jungen Unternehmens. Weil 3D-Fernsehen ohne passende Filme keinen Sinn macht, ging 4D-Vision kürzlich eine Kooperation mit der australischen Firma Dynamic Digital Depth ein. Sie hat eine Software entwickelt, die jeden x- beliebigen zweidimensionalen Film in einen dreidimensionalen umwandeln soll – egal ob es sich um einen tonlosen Schwarzweißfilm mit Charlie Chaplin oder den neuesten James Bond handelt.
Zur Zeit sind Profianwender wie Ingenieure, Architekten oder Ärzte die Hauptabnehmer für 3D-Bildschirme. Geräte, die ähnlich wie die Systeme aus dem Heinrich-Hertz-Institut nur einem Betrachter das 3D-Sehen ermöglichen, gibt es inzwischen bei DaimlerChrysler und Volkswagen in der Automobilentwicklung, beim Forschungszentrum in Jülich oder in Augenkliniken. „Wichtig ist, daß beim Betrachten die Bilder nicht hin- und herspringen und die Augen nicht überfordert werden”, meint Armin Schwerdtner, Physiker bei der Gesellschaft für Wissenstransfer der Technischen Universität Dresden. Profianwender müssen für Schwerdtners Entwicklung immerhin 29000 Mark ausgeben. „Auch mit unseren Geräten ist die Schmerzgrenze für die Augen nach einigen Stunden erreicht”, gibt Schwerdtner zu. Die Entwicklung fürs Fernsehen als Massenmarkt sieht er skeptisch: Sechs bis acht Prozent aller Menschen können anlagebedingt nicht Stereo sehen – sie würden also nie in den Genuß dreidimensionaler Bilder kommen. Anders beim System von 4D- Vision: Weil es gleichzeitig mehrere Perspektiven bietet, bekommt man auch allein mit einem Auge einen 3D-Eindruck.
Andreas Schmitz





