WASSERSTOFF-WELT
Kaum eine „Energiequelle” ist in der Öffentlichkeit so positiv besetzt wie Wasserstoff. Leicht und locker geht dieses Wort über die Lippen, wenn man Visionäre danach fragt, wie die Energieversorgung von morgen aussieht. Was sie vorschwärmen, lässt Politiker in Verzückung geraten. Romano Prodi etwa: Er hat den US-Wasserstoff-Visionär Jeremy Rifkin, der alle paar Jahre in einem anderen Themenfeld für Aufsehen sorgt, zu seinem Berater ernannt. Mit dessen Hilfe will Prodi maßgeblich daran mitwirken, dass Europa bis 2050 den Umstieg auf das Wasserstoff-Zeitalter verwirklicht hat.
Klingt gut, ist aber nicht so einfach: Die Infrastruktur für die Verteilung von Wasserstoff und die Energieerzeugung daraus zu schaffen, ist das eine Problem. Ihn herzustellen ist das andere. Wasserstoff ist eben keine Energiequelle, sondern lediglich ein Energieträger: Nirgendwo auf der Erde kann dieser nahezu schadstofffrei verbrennende und deshalb so hoch gelobte Stoff kostengünstig gefördert werden. Sondern er entsteht – wie Elektrizität – erst durch technische Umwandlung von Primärenergie. Und daran hapert es. Zwar lässt sich Wasserstoff mittels Windkraft oder Photovoltaik umweltfreundlich gewinnen – auch Kernenergie käme infrage. Doch alle Wege haben eines gemeinsam: Man muss bis zu viermal mehr Edelenergie Strom hineinstecken, als man in Form von Wasserstoff-Energie wieder herausbekommt. Bislang und noch lang ist das Ganze also eine gewaltige Energievernichtungsmaschinerie.
Wie mühsam es sein wird, die Wasserstoff-Ära einzuläuten, ist Inhalt der Titelgeschichte, die mein Kollege Thorwald Ewe konzipiert, recherchiert und fixiert hat. Ja, mehr noch: Ewes Beitrag ist eine Ausnüchterungskur für alle, die wie besoffen sind vom Glauben an eine baldige Wasserstoff-Welt.
Wolfgang Hess





