Auf der Welt leben derzeit rund 60 Millionen Pferde. Die meisten von ihnen sind die Nachfahren von einst domestizierten Wildpferden. Forscher vermuten, dass diese Domestizierung erstmals während der Bronzezeit in den Steppen des westlichen Eurasiens stattfand, etwa 2200 vor Christus. Von dort verbreiteten sich die Hauspferde zunächst in ganz Eurasien. Im Nahen Osten entwickelten sich daraus Pferde wie die Araber, Turkmenen und Berber, die sich nach der islamischen Eroberung Europas und Asiens ab dem siebten Jahrhundert weltweit verbreiteten. Daher sind die Gene moderner Pferderassen stark von diesen orientalischen Pferden geprägt, der sogenannten „Kronen-Haplogruppe“.
Bei der historischen Verbreitung der Pferde spielten Krieg, Handel und Kolonisierung vermutlich eine wichtige Rolle. Wichtig waren Pferde auch für die Landwirtschaft, die Jagd und als Statussymbole. Doch auf welchen Wegen sich die „Orientpferde“ genau ausbreiteten, war bisher unklar.
Zwei historische Verbreitungswege der Orientpferde identifiziert
Dieser Frage ist nun ein Team um Lara Radovic von der Veterinärmedizinischen Universität Wien nachgegangen. Die Biologen rekonstruierten den orientalischen Einfluss auf moderne Rassen, indem sie die väterliche Abstammung von 1517 Hengsten nachverfolgten. Dafür analysierten sie einen Teil des Y-Chromosoms, der im Genom der meisten modernen Pferderassen enthalten ist und der „Kronen-Haplogruppe“ zugeschrieben wird. Die analysierten Pferde gehörten 189 Rassen aus 13 Regionen an, darunter Araber, Vollblüter, europäische Kaltblüter, iberische und südamerikanische Rassen, europäische und US-amerikanische Reitpferde sowie verschiedene lokale Rassen.
Das Ergebnis: 177 der untersuchten Pferderassen enthielten die genetischen Merkmale der Orientpferde auf ihrem Y-Chromosom und stammen demnach alle von Ahnen aus dem Orient ab. Der jüngste gemeinsame Vorfahre dieser Tiere lebte vor 1495 Jahren, wie das Team berichtet. Der Vergleich der Pferderassen zeigte zudem, dass sich orientalische Hengste zwischen dem 8. und 16. Jahrhundert ausgehend von Nordafrika über die Iberische Halbinsel ausbreiteten und von dort auch in andere Teile Europas und in die Neue Welt gelangten. In diesen Regionen weisen die Pferde daher heute noch einen „spanischen Einfluss“ in ihren Genen auf. Treiber dieser Entwicklung waren wahrscheinlich zunächst islamische, später christliche Eroberungen der Iberischen Halbinsel sowie die Kolonialisierung.
Zudem rekonstruierten die Biologen einen zweiten, zeitlich fast parallelen Ausbreitungsweg der orientalischen Hengste: In Westasien verlief dieser vom 14 bis zum 20. Jahrhundert entlang der Handelsrouten des Osmanischen Reiches bis nach Nordafrika, Europa und ins restliche Asien.





