Allein in Deutschland sind Schätzungen zufolge über 200.000 Menschen betroffen: Die MS ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. Sie äußert sich durch Missempfindungen, Probleme beim Sehen bis hin zu Bewegungs-Störungen und im Extremfall können ausgeprägte Lähmungen auftreten. Es gibt allerdings sehr unterschiedliche Verlaufsformen und Ausprägungen der Autoimmunerkrankung. Verursacht werden die Symptome durch den Angriff des körpereigenen Abwehrsystems auf die fettähnliche Substanz, die Nervenfasern im Zentralnervensystem elektrisch isoliert. Die Schädigung dieser sogenannten Myelin-Ummantelung kann dann zu Kurzschlüssen und zu einer Beeinträchtigung der Reiz-Weiterleitung führen.
Die Ursachen der Entstehung von MS und die Faktoren der Krankheitsentwicklung sind komplex und bisher schwer zu erfassen. Klar scheint allerdings, dass eine Mischung aus genetischen Veranlagungen, umweltbedingten Faktoren und Verhaltensweisen die Grundlage von MS bildet. Auch der Ernährung kommt wohl eine erhebliche Rolle zu. Dabei wird bereits seit langem dem Konsum von Milchprodukten eine Bedeutung zugeschrieben. Dies bildete nun auch die Grundlage der Studie der Forscher um Stefanie Kürten vom Universitätsklinikum Bonn: „Wir hören immer wieder von Betroffenen, dass es ihnen schlechter geht, wenn sie Milch, Quark oder Joghurt zu sich nehmen. Deshalb entschieden wir uns, der Ursache dieses Zusammenhangs nachzugehen“, so die MS-Expertin.
Einem Zusammenhang auf der Spur
Um zu klären, welche Bestandteile der Milch für den Effekt verantwortlich sein könnten, führten Kürten und ihre Kollegen zunächst Versuche am Tiermodell durch. Wie sie erklären, kamen vor allem Eiweiße als Auslöser in Frage. Deshalb injizierten die Wissenschaftler Mäusen verschiedene Proteine aus Kuhmilch in Kombination mit bestimmten Verstärkersubstanzen. Anschließend untersuchten sie, inwieweit die Tiere Krankheitssymptome entwickelten, die mit MS in Zusammenhang gebracht werden können.
Wie die Wissenschaftler berichten, wurden sie bei einem prominenten Milchprotein fündig: Casein. Wenn sie den Tieren diesen Inhaltsstoff zusammen mit einem Wirkverstärker verabreichten, zeigten einige Anzeichen von neurologischen Störungen. Elektronenmikroskopische Untersuchungen des Nervengewebes offenbarten dann: Bei diesen Tieren zeigte die Myelin-Schicht um die Nervenfasern im Zentralnervensystem Spuren von Schäden: Ähnlich wie bei MS-Patienten war die isolierende Hülle durchlöchert – offensichtlich ausgelöst durch die Casein-Gabe. „Als Grund vermuteten wir eine fehlgeleitete Immunreaktion – ähnlich wie bei MS-Kranken“, sagt Erstautorin Rittika Chunder. Daraus ergab sich ihr zufolge ein konkreter Verdacht: Es könnte eine Kreuzreaktivität vorliegen. „Die körpereigene Abwehr attackiert dabei eigentlich das Casein, zerstört aber auch Proteine, die an der Bildung des Myelins beteiligt sind“, so Chunder.





