Für viele Tiere sind Duftmarken eine unsichtbare Form der Kommunikation. Mit ihrem Urin können sie zum Beispiel ihr Revier markieren oder Paarungsbereitschaft signalisieren. Noch Stunden nachdem der Absender weitergezogen ist, können Artgenossen die Botschaft erschnuppern – fast so, wie wenn wir Menschen eine schriftliche Notiz hinterlassen. Doch welche Substanzen übermitteln die Informationen? Und wie lässt sich eine verlässliche individuelle Signatur erzeugen, obwohl Duftstoffe oft chemisch sehr dynamisch sind und sich im Laufe der Zeit verändern?
Katzenurin im Schnüffeltest
Diese Fragen hat ein Team um Shota Ichizawa von der Iwate Universität in Japan nun an Katzen untersucht. Zunächst testeten die Forschenden, ob die Stubentiger tatsächlich in der Lage sind, verschiedene Artgenossen am Geruch ihres Urins zu unterscheiden. Dazu präsentierten sie Hauskatzen wiederholt den Urin verschiedener Individuen.
Dabei zeigte sich: Bei unbekannten Urinproben schnüffelten die Katzen ausgiebig und zogen häufig mit leicht geöffnetem Maul die Oberlippe hoch, um den Geruch intensiver wahrzunehmen – eine Reaktion, die als Flehmen bekannt ist. Kannten sie den Geruch dagegen schon, interessierten sie sich weniger dafür. Das galt auch, wenn ein Geruch erst nach Monaten erneut präsentiert wurde. Das deutet darauf hin, dass Katzen die individuellen Uringerüche ihrer Artgenossen nicht nur unterscheiden können, sondern sogar im Langzeitgedächtnis abspeichern.
Stabile Fettsäuren als Signatur
Anhand von chemischen Analysen identifizierten Ichizawa und seine Kollegen 13 verzweigtkettige Fettsäuren (BFAs) im Katzenurin, die individuell in jeweils unterschiedlichen Kombinationen und relativen Anteilen vorkamen. „Die Zusammensetzungsprofile sind individuell unterscheidbar, innerhalb eines Individuums aber stabil“, berichten die Forschenden. Zudem stellten sie fest, dass diese Fettsäuren anders als viele flüchtige Urinbestandteile relativ beständig waren und auch nach 24 Stunden noch weitgehend unverändert blieben.
Manipulierte das Team einige dieser im Katzenurin enthaltenen Fettsäuren experimentell, schnupperten Katzen, die eigentlich bereits an den jeweiligen Uringeruch gewöhnt waren, wieder verstärkt daran. Das deutet darauf hin, dass es tatsächlich diese Komponente des Geruchsspektrums ist, die die individuelle Duft-Visitenkarte ausmacht.
Reservoir in der Niere
Aber woher stammen die Fettsäuren für den individuellen Uringeruch? Auf der Suche nach dem Ursprung untersuchten die Forschenden verschiedene Gewebe von Katzen auf Lipide mit verzweigtkettigen Fettsäuren. Fündig wurden sie in der Niere. „Lipidtröpchen in der Nierenrinde bilden ein physiologisches Reservoir, das kurzfristige Schwankungen puffert und wiederholbare Signaturen im Urin ermöglicht“, berichten Ichizawa und seine Kollegen.
Dank des Vorrats in der Niere bleiben die BFAs weitgehend unverändert und liefern zuverlässige Informationen über die Identität des Individuums – selbst wenn andere Urinbestandteile durch Faktoren wie Krankheiten, eine veränderte Ernährung oder Fortpflanzungsbereitschaft variieren.
Auch bei anderen Feliden wie Löwen, Tigern, Leoparden, Jaguaren und Luchsen wiesen die Forschenden ähnliche Fettsäure-Verbindungen im Urin sowie in den Lipidtröpfchen in der Niere nach, wenn auch mit einer geringeren Vielfalt als bei Hauskatzen. Das deutet darauf hin, dass diese Art der chemischen Signatur in der Katzenfamilie weit verbreitet ist. Ob die Großkatzen diese Duftstoffe allerdings ebenfalls zur individuellen Erkennung nutzen, ist noch unklar.
Quelle: Shota Ichizawa (Iwate University, Japan) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2026.07.045





