Die Erfolgsgeschichte der Max-Planck-Gesellschaft begann vor genau 100 Jahren – mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer beleuchtet die damaligen Ereignisse und die Folgen für heute.
Die Hundertjahr-feier der Berliner Universität am 11. Oktober 1910 war ein großes Fest. Als dessen Höhepunkt gilt die folgenreiche Rede von Kaiser Wilhelm II., die er an diesem Tag an der Friedrich-Wilhelms-Universität hielt, der heutigen Humboldt-Universität. In ihr offenbarte sich der Monarch als Kenner Wilhelm von Humboldts. Er stellte einen „großen Wissenschaftsplan” des preußischen Bildungsreformers vor, der vielen Professoren entgangen zu sein schien. Dieser Plan – so der Kaiser – „verlangt neben der Akademie der Wissenschaften und der Universität selbständige Forschungsinstitute als integrierende Teile des wissenschaftlichen Gesamtorganismus”.
Wilhelm II. stellte fest, dass die Gründung solcher Institute in Preußen mit der Entwicklung der Universitäten nicht Schritt gehalten habe und diese Lücke, „namentlich in unserer naturwissenschaftlichen Ausrüstung”, infolge des gewaltigen Aufschwungs der Wissenschaften immer spürbarer werde. Das Land brauche Institute, die „lediglich der Forschung dienen”. Sie ins Leben zu rufen, erschien dem Kaiser „als eine heilige Aufgabe der Gegenwart”. Er hielt es für seine landesväterliche Pflicht, „das allgemeine Interesse für dieses Unternehmen zu erbitten”. Unter großem Jubel wurde Wilhelm II. noch konkreter, indem er von seinem ureigenen Wunsch sprach, „unter meinem Protektorat und Namen eine Gesellschaft zu begründen, die sich die Errichtung und Erhaltung von Forschungsinstituten zur Aufgabe stellt”. Nach dem Motto „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist” ging dieser Wunsch bereits drei Monate später in Erfüllung. Am 11. Januar 1911 wurde die „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften” (KWG) im großen Sitzungssaal der Königlichen Akademie der Künste in Berlin gegründet.
Die kaiserliche Rede vom 11. Oktober 1910 hatte der Theologe Adolf Harnack verfasst, der im Jahr zuvor eine legendäre Denkschrift für Seine Majestät geschrieben hatte. In dieser ist von einer „Notlage der Naturwissenschaften in Deutschland” die Rede, die sich „schon jetzt national-politisch verhängnisvoll” auswirke und bald „auch wirtschaftlich immer mehr” Schaden mit sich bringe. Das Reich müsse – so Harnack – Anstrengungen unternehmen, die „Führung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften” zu erlangen, da sie „nicht mehr nur einen ideellen, sondern … auch einen eminenten nationalen und politischen Wert” habe. „Die reine Wissenschaft hat der Industrie die größten Förderungen durch die Erschließung wirklich neuer Gebiete gebracht”, hielt der Theologe fest, der sich in seiner Denkschrift als hervorragender Kenner von Farbstoffen, Dynamomaschinen und drahtloser Telegrafie erwies. Harnack versicherte dem Kaiser, dass die Industrie die geschilderte Lage kenne und bereit sein würde, zu der anvisierten Gründung ihren Beitrag zu leisten. Und tatsächlich: Als Wilhelm II. zum 100. Geburtstag der Berliner Universität sprach, konnte er bereits stolz auf knapp 10 Millionen Mark hinweisen, die ihm aus privaten Kreisen für die Erfüllung seines Wunsches zur Verfügung gestellt wurden. In der Denkschrift bemühte Harnack den Satz von Humboldt, „die Wissenschaft gießt oft ihren reichsten Segen über das Leben aus, wenn sie sich von demselben gleichsam zu entfernen scheint”, um so den konkreten Schluss zu begründen, dass „neue Forschungsstätten für Chemie und Physik geschaffen werden” müssten.
der KAISER UND DIE CHEMIKER
Damit legte Adolf Harnack das Fundament für das erste Institut der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft – das am 23. Oktober 1912 durch Seine Majestät persönlich eingeweihte Institut für Chemie. Bei dieser Gelegenheit hielt Emil Fischer den ersten Experimentalvortrag vor den Repräsentanten der Gesellschaft mit dem hübschen und zeittypischen Titel „Die Chemie, das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten”. Dieser Gründung folgten bald weitere, die andere Lücken im damaligen Wissenschaftsgefüge schlossen und den sich neu entwickelnden – interdisziplinären – Grenzgebieten ein Zuhause gaben: die physikalische Chemie, die Radiochemie, die Theoretische Physik und die Biochemie. Als dritte Zielsetzung schuf die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft unter ihrem ersten Präsidenten Adolf Harnack – der 1914 geadelt wurde und fortan von Harnack hieß – Forschungseinrichtungen, die wegen ihres Umfangs und technischen Aufwands den Rahmen traditioneller Hochschulen gesprengt hätten – etwa das für Eisen- und Kohleforschung oder die Arbeitsphysiologie.
Im Rückblick lässt sich sagen, dass die KWG die deutsche Forschung regelrecht ins 20. Jahrhundert hineinkatapultierte. Die Mitarbeiter ihrer Institute hatten bald „wissenschaftlich so großartige Leistungen aufzuweisen”, dass sich uneingeschränkt sagen ließ, sie gehörten „zum Wissensfundus der ganzen Welt”. Diese Einschätzung aus dem Jahr 1975 stammt von dem in Ost- Berlin tätigen Historiker Jürgen Kuczynski, der darin „Das Rätsel der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft” sieht, wie er einen Zeitschriftenbeitrag überschrieb. Der DDR-Geschichtswissenschaftler rätselte, warum ausgerechnet „eine monarchistisch protegierte, mit dekorativem Beiwerk verbrämte, nach großkapitalistischen Spielregeln organisierte, zum staatsmonopolistischen Kapitalismus tendierende und seine Methoden schon frühzeitig praktizierende Wissenschaftsorganisation des deutschen Finanzkapitals” eine Qualität der Forschung zustande bringen konnte, die sie unter anderem großen Figuren wie Fritz Haber, Oskar Vogt, Max Rubner und Albert Einstein verdankte.
Das Rätsel des Erfolgs der Kaiser-Wilhelm-Institute lässt sich lösen, wenn man an die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts denkt, in denen Wissenschaft und Bildung zum ersten Mal als Produktivkräfte verstanden und im industriellen Umfeld eingesetzt wurden. Wenn man es auf eine Kurzformel bringen will: In dieser Zeit verwandelte sich die Hochschule von einer Vorlesungsuniversität in eine Arbeitsuniversität. Es galt dabei, in ihren alten Räumen ständig neue Institute und Laboratorien unterzubringen – und dies für immer mehr Disziplinen.
In dieser Situation meldeten sich erste Gelehrte zu Wort, die für ihre Fachbereiche „reine” Forschungsinstitute anmahnten und dafür bereit waren, das Humboldt-Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre aufzugeben. Als Erster forderte der Greifswalder Paläontologe Otto Jaekel vom preußischen Kulturministerium, neben den Universitäten „staatliche Institute zur Pflege der reinen Wissenschaft” zu schaffen. Jaekels Initiative fiel mit Bemühungen des Chemikers Emil Fischer zusammen, der am Ende der 1890er-Jahre ein zentrales Forschungslaboratorium für chemische Präzisionsarbeit forderte. Es gab mindestens zwei weitere – später mit dem Nobelpreis geehrte – Gelehrte, die ebenfalls um neue Forschungsmöglichkeiten warben: Walter Nernst entwarf Pläne für eine „Chemische Reichsanstalt”, und Philipp Lenard legte 1906 seinen „Entwurf zu einem deutschen Institut für physikalische Forschung” vor, auf den Harnack in seiner Denkschrift für den Kaiser Bezug nahm.
Die Genialität des Theologen
Die Genialität des Theologen bestand darin, diese Wünsche als logische Ergänzung eines angeblich auf Wilhelm von Humboldt zurückgehenden Gesamtplans der Wissenschaft zu deuten und sie Kaiser und Volk in dieser Form zu verkaufen. Historiker haben ironisch angemerkt, diese Pläne Humboldts seien offenbar nur Harnack bekannt gewesen. Was Humboldt tatsächlich im Sinn hatte, kann man als organisatorische Dreiteilung der Wissenschaft bezeichnen, in der er das Duo aus Akademie und Universität durch „ Hülfsinstitute” ergänzen wollte. Während Humboldt damit Bibliotheken, Sternwarten und botanische Gärten meinte, sah Harnack in ihnen Orte für „wissenschaftliche Spezialarbeiter ohne akademische Unterrichtslasten”.
Die Antwort auf die Frage nach dem überragenden Erfolg der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft weist noch eine andere Dimension auf, die in dem sogenannten Harnack-Prinzip steckt. Was damit gemeint ist, hat der Biochemiker Adolf Butenandt 1961 in Erinnerung gerufen. Butenandt agierte damals als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Nachfolge der KWG angetreten hat. (Die Alliierten wollten diese deutsche Forschungseinrichtung nicht ruinieren, sie sollte nur nicht mehr an imperialistische Herrscher und nationale Motive erinnern.)
Als Butenandt aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft den Standort seiner Organisation „im Wissenschaftsgefüge der Bundesrepublik Deutschland” erörterte, legte er Wert auf die Feststellung, dass in seinem Haus „die tragenden Grundsätze” unverändert galten. An erster Stelle nannte er dabei das auf Harnack zurückgehende „ Strukturprinzip”, nach dem Institute „um den bedeutenden Forscher herum gebildet werden”. 1928 hatte Adolf von Harnack auf der Hauptversammlung in München dazu folgende Wendung gebraucht: „In so hohem Grade ist der Direktor die Hauptperson, dass man auch sagen kann: Die Gesellschaft wählt einen Direktor und baut um ihn herum ein Institut.”
Natürlich wusste Harnack, dass eine angemessene Betrachtung der Forschung „Vom Großbetrieb der Wissenschaft” auszugehen habe, wie ein 1905 geschriebener Aufsatz betitelt ist. Aber um diese sich im frühen 20. Jahrhundert ausbreitende „Methode der Weltbezwingung” zu fördern, müsse man den Einen finden, der leiten kann, was die Vielen leisten sollen. Als 1921 in Düsseldorf das Kaiser-Wilhelm-Institut für Eisenforschung seiner Bestimmung übergeben wurde, wies Harnack auf die besondere neue Aufgabe von Institutsdirektoren hin, die er als „die Kunst feiner und mitfühlender Menschenbehandlung” bezeichnete. Sie hat in der Folgezeit immer mehr zu der Tätigkeit geführt, die heute gerne als Management bezeichnet wird und in dieser Form an keiner Stelle im Blickfeld von Wilhelm von Humboldt zu finden ist.
Man kann also behaupten: Mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wird deutlich, dass die klassische Zweiteilung von Forschung und Lehre nicht mehr ausreichte, um eine erfolgreich betriebene Naturwissenschaft zu definieren. Und wahrscheinlich erklärt sich der Erfolg der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der Tat durch die passende Erweiterung von Humboldts Ideal, wie Harnack sie ermöglicht hat.
Die Max-Planck-Gesellschaft ist inzwischen die an Jahren ältere Organisation, die sich nach wie vor zu ihrer Vorgängerin bekennt und sich an deren Erfolgskonzepten orientiert, die es der jeweiligen Zeit anzupassen gilt. Naturwissenschaftliche Forschung benötigt heute soziale, ethische und juristische Begleitung und andere interdisziplinäre Einbindung, wie sie etwa im Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie praktiziert wird. So nimmt die Zahl der geisteswissenschaftlichen Institute zu, die eigenständig ihre Themen suchen, etwa im Göttinger MPI zur Erforschung multi-religiöser und -ethnischer Gesellschaften.
Trotzdem: Wer an die Max-Planck-Gesellschaft denkt, dem fallen vor allem naturwissenschaftliche Einrichtungen ein. Diese Gewichtung geht auf die Gründungstage der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zurück, die einige Jahre brauchte, bevor sie erst ein „KWI für Deutsche Geschichte” eröffnete und dann die Verwaltung der „Bibliotheca Hertziana” in Rom übernahm, aus der heute ein MPI für Kunstgeschichte geworden ist. Der naturwissenschaftliche Schwerpunkt überrascht vor allem, wenn man bedenkt, dass dies alles von einem Theologen ins Werk gesetzt worden ist. Wer die Stelle sucht, an der Harnack zu dieser Aufgabe gefunden hat, kommt auf das Jahr 1900: Damals machte er sich daran, die Geschichte der auf Leibniz zurückgehenden Berliner Akademie zu schreiben und nahm zu diesem Zweck die Entwicklungslinien der Wissenschaftsgeschichte in den Blick. Er erkannte dabei, was deutsche Historiker gerne übersehen: Weder die Wechselfälle der politischen oder militärischen Verhältnisse noch die Ökonomie können erklären, wie sich unsere heutige Lebensweise durchgesetzt hat. Was wir geworden sind, sind wir vor allem deshalb geworden, weil wir Naturwissenschaft betreiben und mit ihrer Hilfe die Gebiete erschließen, mit denen die Industrie unsere Gegenwart prägt.
EINER WIE HARNACK FEHLT HEUTE
Unsere Intellektuellen kennen den historischen Beitrag der Naturwissenschaften nicht und sehen keinen Grund, auf sie stolz zu sein. Harnack empfand dies völlig anders. Heute haben wir keinen Geisteswissenschaftler wie ihn mehr, der den Ast pflegen möchte, auf dem er mit uns allen sitzt. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war vieles nicht besser – aber das Verhältnis der Gesellschaft zur Naturwissenschaft doch. Man wollte ihr eine Hochburg schaffen. Mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist das gelungen. Das hat sich bis in unsere heutige Zeit sehr gelohnt. ■
ERNST PETER FISCHER, Autor von 40 Büchern, unterrichtet seit 1987 an der Universität Konstanz Wissenschaftsgeschichte.





