Um den Mond und seinen Einfluss auf unser Leben ranken sich zahlreiche Mythen und wissenschaftlich kaum belegte Theorien. Schlafen wir wirklich bei Vollmond schlechter? Sind Frauen fruchtbarer, wenn ihr Monatszyklus im Einklang mit dem Mond steht? Werden bei Vollmond mehr Kinder geboren? Schon viele Studien unterschiedlicher Qualität haben sich diesen Fragen gewidmet – mit teils widersprüchlichen Ergebnissen.
Indigene Gemeinschaften und Großstadtstudenten
Ein Team um Leandro Casiraghi von der University of Washington in Seattle hat nun bei Angehörigen indigener Gemeinschaften sowie Studenten aus der Großstadt Seattle untersucht, ob und inwieweit sich ihr Schlaf im Verlauf der Mondphasen verändert. Während frühere Studien oft auf Daten aus dem Schlaflabor gesetzt haben oder die Probanden selbst ein Schlaftagebuch führen ließen, verwendeten Casiraghi und Kollegen kleine Geräte, die die Probanden über mehrere Wochen hinweg am Handgelenk trugen und die deren Schlaf-Wach-Rhythmus präzise erfassten.
98 Mitglieder der indigenen Gemeinschaft Toba-Qom aus Argentinien nahmen an der Studie teil. Manche von ihnen lebten in ländlichen Regionen ohne Zugang zu Elektrizität, andere wohnten zwar auch ländlich, hatten aber eine elektrische Lichtquelle zu Hause, und eine dritte Gruppe wohnte in städtischen Gebieten mit vollem Zugang zu Elektrizität. Zusätzlich bezogen die Forscher 464 Studenten aus Seattle ein – einer Stadt mit hoher Lichtverschmutzung, in der das Mondlicht nachts kaum wahrnehmbar ist.
Schlaflos in Seattle
Das Ergebnis: „Wir sehen eine klare Modulation des Schlafes durch den Mond, mit späterem Einschlafen und kürzerer Schlafdauer in den Tagen vor einem Vollmond”, sagt Casiraghis Kollege Horacio de la Iglesia. „Und obwohl der Effekt in Gemeinden ohne Zugang zu Elektrizität robuster ist, zeigt er sich auch in Gemeinden mit Elektrizität, einschließlich der Studenten an der University of Washington.“ In den drei bis fünf Tagen vor Vollmond schliefen die Toba-Qom Mitglieder rund 20 Minuten kürzer als bei Neumond. Gruppen mit weniger Zugang zu elektrischem Licht waren dabei stärker von den Veränderungen des Mondlichts betroffen.
Zur Überraschung der Forscher zeigte sich der gleiche Effekt in abgeschwächter Form auch bei Studenten aus Seattle: Kurz vor Vollmond gingen sie später ins Bett und schliefen insgesamt kürzer. „Wir stellen die Hypothese auf, dass die von uns beobachteten Muster eine angeborene Anpassung sind, die es unseren Vorfahren ermöglichte, diese natürliche Quelle des Abendlichts zu nutzen, die zu einer bestimmten Zeit während des Mondzyklus auftrat“, sagt Casiraghi.





