In einer nüchternen, sachlichen und sehr detailreichen Darstellung würdigt Neufeld als historische Leistungen von Brauns vor allem den Bau der ersten Großrakete der Welt, den Start des ersten amerika‧nischen Satelliten im Jahr 1958 und die Mondlandung. Hinzu kamen sein geniales Management von Großprojekten sowie das Talent, diese öffentlich zu vermarkten.
Neufelds Stil ist ausgesprochen fair. So wurde häufig die Frage gestellt, ob von Braun eine persönliche Verantwortung für die Behandlung der KZ-Häftlinge, die für ihn tätig waren, trug. Er hatte sie im formalen Sinn nicht (so von Brauns Darstellung), im moralischen Sinn allerdings schon (so die Darstellung ehemaliger Häftlinge). Beides stimmt – und dies auf feinfühlige Weise plausibel zu machen, ist eine der großen Leistungen des Buchs.
Bereits 1997 hatte Neufeld in seinem Buch „Die Rakete und das Reich“ eine sorgfältig recherchierte Geschichte des Raketenprojekts und seiner Verankerung im NS-Regime vorgelegt. Schon hier widerlegte er etliche Legenden, die sich um von Braun ranken. Das neue Buch geht an zwei Punkten darüber hinaus: Erstens bezieht es die Zeit in den USA nach 1945 mit ein und liefert damit erstmals eine umfassende Biographie von Brauns, die nicht allein auf den – oftmals geschönten – Erinnerungen Beteiligter, sondern auf Archivmaterialien basiert.
Zweitens präsentiert Neufeld an vielen Punkten biographische Details, die zuvor unbekannt waren, beispielsweise zur Verlobung 1943, zur Hochzeit 1947 oder zur Evakuierung nach Süddeutschland 1945.
Diese verdienstvolle Tilgung weißer Flecken in der Biographie hat allerdings ihren Preis: In der Fülle von Details geht manchmal der Überblick verloren; und die politischen Hintergründe der Raketenentwicklung bleiben gelegentlich im Dunkeln. Über die „guten Gründe“, die Präsident Eisenhower bewogen hatten, von Brauns Ehrgeiz beim Start des ersten Satelliten zu bremsen und den Russen mit „Sputnik“ den Vortritt zu lassen, erfährt der Leser kaum etwas, obwohl dies weit mehr ist als eine Mar‧ginalie.
Neufeld schildert von Braun als den „Faust des 20. Jahrhunderts“, der den Pakt mit dem Teufel schloss und 1945 und danach das „Glück“ hatte, dass seine NS-Vergangenheit, die ihn immer wieder einzu‧ho‧len drohte, stets unter den Teppich gekehrt wurde, nicht zuletzt deshalb, weil die USA sich seiner überragenden Fähigkeiten bedienen wollten.
Rezension: Prof. Dr. Johannes Weyer





