Seit dem Urknall dehnt sich das Universum immer weiter aus. Seit den 1990er Jahren ist zudem bekannt, dass sich diese kosmische Expansion stetig beschleunigt. Als Triebkraft dafür gilt die Dunkle Energie – eine bisher unbekannte Kraft, die der anziehenden Wirkung der Gravitation entgegenwirkt. Dem kosmologischen Standardmodell (ΛCDM) zufolge hat die Dunkle Energie eine in Zeit und Raum gleichbleibende Dichte. Die kosmologische Konstante soll dies widerspiegeln.
Schwächt sich die Dunkle Energie ab?
Doch in jüngster Zeit mehren sich Indizien dafür, dass mit der kosmischen Expansion etwas nicht stimmt. Zum einen zeigen astronomische Messdaten weiterhin signifikante Diskrepanzen bei der kosmologischen Konstante – je nach Messmethode ergeben sich unterschiedliche Werte für das Tempo der Expansion. Zum anderen weckten zwei im Jahr 2025 veröffentlichte Analysen Zweifel an der Konstanz der Konstante – und damit auch an der Konstanz der Dunklen Energie. Denn beiden Analysen zufolge scheint der Effekt der Dunklen Energie mit der Zeit schwächer zu werden.
Basis beider Studien waren Daten des Dark Energy Spectroscopic Instrument (DESI) in Arizona, das speziell auf die Messung der kosmischen Expansion ausgelegt ist. Für die erste Studie hatte das DESI-Team die sogenannte Baryonische Oszillation (BAO) für gut 15 Millionen Galaxien ausgewertet. Dabei handelt es sich um subtile Muster in der Galaxienverteilung, die auf Dichtewellen im frühen Kosmos zurückgehen. Über diese Muster lässt sich die Expansionsrate zu verschiedenen Zeiten ermitteln. Die Auswertung ergab eine signifikante Abweichung vom Standardmodell: Statt bei ω0 = -1, wie theoretisch vorhergesagt, lag der von ihnen gemessene Effekt der Dunklen Energie nur bei ω0 = -0,838.

Das Problem mit den Typ Ia-Supernovae
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam im November 2025 ein Team um Junhyuk Son von der Yonsei Universität in Seoul. Im Zentrum ihrer Analyse standen Typ-Ia-Supernovae. Weil die Helligkeit solcher explodierenden Weißen Zwerge von gut messbaren und standardisierbaren Merkmalen abhängt, sind sie wichtige Messlatten für kosmische Entfernungsmessungen. Doch laut Son und seinem Team gibt es eine bisher nicht ausreichend berücksichtigte Fehlerquelle bei diesen „Standardkerzen“: das Alter der Vorgängersterne. Supernovae in jüngeren Sternpopulationen sind demnach lichtschwächer als solche von alten Sternen.
Berücksichtigt man diesen Faktor, weichen die Supernova-basierten Messdaten zur kosmischen Expansion mit einer Signifikanz von mehr als 9 Sigma vom kosmologischen Standardmodell ab. „Unsere Analyse zeigt, dass sich die Ausdehnung des Universums schon heute verlangsamt“, berichteten die Astronomen. Sollte sich dies bestätigen, würde dies eine der Grundfesten des kosmologischen Standardmodells erschüttern – für die Kosmologie wäre dies eine handfeste Krise.
Entsprechend kritisch haben andere Astronomen die neuen Analysen und vor allem deren Schlussfolgerungen überprüft.
Ungeeignete Methodik?
Jetzt tut sich etwas Neues: Ein internationales Astronomenteam hat die potenziellen Fehler bei der Supernova-Messung genauer überprüft. Mit im Team waren auch Adam Riess und Brian Schmidt, zwei der drei Astronomen, die 2011 den Physik-Nobelpreis für ihre Entdeckung der beschleunigten kosmischen Expansion erhalten hatten. „Außerordentliche Behauptungen erfordern eine besonders sorgfältige Überprüfung“, sagt Riess. Im Fokus ihrer Überprüfung standen die Methodik von Son und Kollegen sowie die Korrekturfaktoren, die standardmäßig bei den Supernova-Analysen eingesetzt werden.
Das Ergebnis: „Wir zeigen, dass die Belege für ihre Schlussfolgerungen – die Abhängigkeit vom Alter der Vorgängersterne, die von der Rotverschiebung abhängigen Altersunterschiede und ihr kombinierter Einfluss – entweder vernachlässigbar sind oder auf Effekten beruhen, die in modernen Analysemethoden schon berücksichtigt und korrigiert werden“, berichten die Astronomen. Wende man diese gängigen Standardkorrekturen auf den Datensatz an, dann zeige sich die postulierte Helligkeitsveränderung je nach Vorgängerstern-Alter nicht mehr.
Auch der Galaxientyp – ein weiterer von Son und seinem Team hervorgehobener Einflussfaktor – zeigte in der Überprüfung keinen messbaren Einfluss auf die Helligkeit der Typ-Ia-Supernovae. „Wenn wir diese Supernovae entsprechend ihren Galaxienumgebungen und Sternenpopulationen kalibrieren, bleibt der Beweis für die beschleunigte kosmische Expansion bemerkenswert konsistent“, betont Riess. Erstautor Phil Wiseman von der University of Southampton ergänzt: „Die früheren, etablierten Messergebnisse waren korrekt, unser aktuelles Bild vom künftigen Schicksal des Universums bleibt bestehen.“
„Schwere Fehler und nicht konsistente Schlussfolgerungen“
Allerdings: Die Astronomen um Junhyuk Son sehen dies anders. Sie haben inzwischen eine Entgegnung auf die Überprüfung ihrer Methodik veröffentlicht. Sie kritisieren darin ihrerseits die Vorgehensweise von Riess, Wiseman und Co heftig: „Die beiden Hauptargumente in deren Publikation sind in Teilen durch schwere Fehler beeinträchtigt oder führen zu Schlussfolgerungen, die in sich nicht konsistent sind“, schreiben Son und sein Team.
Konkret bemängeln die Astronomen zum einen, dass Wiseman und Co. für ihre Überprüfung eine ungeeignete Datenauswahl verwendet haben, indem sie Supernovae mit einer besonders großen Spanne verschiedener Rotverschiebungen kombinierten. Zum anderen kritisieren sie den Korrekturfaktor für die Galaxienmasse, den das Team eingesetzt hat. „Wenn man explizit testet, welchen Einfluss das Galaxienalter hat, sollte man nicht gleichzeitig einen Korrekturfaktor einsetzen, der auf der Galaxienmasse und damit auf dem Galaxienalter beruht“, schreiben Son und sein Team. Denn damit kürzt man letztlich genau den Wert raus, um den es geht.
Robustere Tests sind nötig
Nach Ansicht von Son und seinem Team sollten die möglichen Schwächen der Supernova-„Standardkerzen“ daher mit weiteren, robusteren Tests überprüft werden. „Wir schlagen einen Test für die Supernova-Kosmologie vor, der von der Galaxienentwicklung unabhängig ist“, erklären die Astronomen. Dafür sollten nur Supernova des Typs Ia aus jungen Galaxien gleichen Entwicklungsstands verwendet werden. Dann könnte man die Sternexplosionen in diesem Galaxientyp über die gesamte Spanne der Rotverschiebungen vergleichen, ohne dass Korrekturen für das Alter des Vorgängersterns oder der Galaxien nötig sind.
„Diesen Ansatz haben Riess und seine Kollegen schon vor 28 Jahren selbst vorgeschlagen – und es bleibt der vernünftigste und praktikabelste Weg für die Supernova-Kosmologie“, schreiben Son und sein Team.
Quelle: Phil Wiseman (University of Southampton) et al., Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, Preprint 2026; doi: 10.1093/mnras/stag797; Chul Chung (Yonsei University, Seoul) et al., Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, submitted 2026, doi: 10.48550/arXiv.2605.21586





