„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – Diese Tora-Passage und andere historische Schriften wie das sumerische Ur-Nammu und das babylonische Hammurabi beschreiben, wie Menschen seit jeher ihre Körperteile und deren Verlust bewerten. Diese Regeln und Gesetze beachteten Menschen sowohl im Kampf, um einen Gegner „angemessen“ zu verletzen, als auch bei der bevorzugten Behandlung von Wunden. Manche unserer Körperteile hatten sogar schon im Mittelalter einen rechtlichen Wert. Heutzutage regeln dies moderne Entschädigungsgesetze, beispielsweise für Berufstätige, die bei der Arbeit einen Finger oder andere Gliedmaßen verloren haben. Doch hat sich im Zuge der Geschichte unser Bewertungssystem verändert oder ist ein Zeh heute noch genauso viel wert wie früher? Und wie bewerten unterschiedliche Kulturen ihre Gliedmaßen?
Auf welche Körperteile können wir am schlechtesten verzichten?
Diese Fragen haben nun Forschende um Yunsuh Nike Wee von der Oklahoma State University untersucht. Dafür baten die Psychologen 614 Testpersonen aus den USA und Indien ohne medizinische oder rechtliche Ausbildung, einen Fragebogen auszufüllen. Darin sollten die Probanden bis zu 37 Körperteile bewerten, vom Backenzahn über den Daumen bis zum kleinen Zeh, sowie Kombinationen von Gliedmaßen, beispielsweise beide Arme. Männliche Teilnehmer sollten zudem die Hoden einordnen. Anschließend werteten die Psychologen diese Angaben aus und verglichen sie sowohl untereinander als auch mit mittelalterlichen und modernen Rechtstexten. Dazu gehörten das Gesetz von Æthelberht aus dem Jahr 600 aus dem altbritischen Königreich Kent, der Gutalag aus dem Jahr 1220 von der Ostseeinsel Gotland sowie aktuelle Entschädigungsgesetze für Arbeiter aus den USA, Korea und den Arabischen Emiraten.
Der Vergleich ergab: Sowohl früher als auch heute kommen Menschen unterschiedlicher Herkunft alle zu demselben Ergebnis. Demnach ist uns ein Daumen beispielsweise wichtiger als ein kleiner Finger und ein Auge mehr wert als ein Zahn, wie die Auswertungen belegen. Zudem messen wir mehreren zusammengehörigen Körperteilen, wie etwa zwei Füßen, mehr Wert bei als einzelnen Körperteilen, in dem Fall einem Fuß. Die Einordnung basiert offenbar darauf, welche Funktion die jeweilige Gliedmaße erfüllt und wie wichtig diese erfahrungsgemäß für unseren Alltag ist, wie die Umfrage belegt. „Ein Leben ohne Zeh ist lästig, aber ein Leben ohne Kopf ist unmöglich“, so das Team. In dieser Hierarchie von klein nach groß ist zudem ein Finger weniger wert als die ganze Hand, diese weniger wert als der ganze Arm und dieser weniger wert als das Leben an sich. Demnach bewerten wir unsere Körperteile seit jeher intuitiv nach denselben Prioritäten und derselben Hierarchie.





