Nicht immer steht allerdings ein Mitmensch hilfreich zur Seite, der uns vor dem Einschlafen erschrecken möchte, und deshalb übernehmen wir das ab und zu selbst: Ein kurzes, unwillkürliches Zucken, bevor uns Morpheus übers Haupt streicheln kann, und schon sind wieder wach. Warum?
Die neurobiologische Erklärung lautet, dass wir Gehirnregionen haben, die während des Einschlafens miteinander in Konkurrenz stehen. Das retikuläre aktivierende System liegt unter der Gehirnrinde und hilft uns dabei, wach zu bleiben. Der ventrolaterale präoptische Nukleus unterhalb des Gehirns reguliert den Schlaf. Bei der Wachablöse plaudern die beiden manchmal noch miteinander, ab und zu streiten sie ein bisschen, und das kann in unfreiwilligen Einschlafzuckungen münden.
Wer genau zuckt da? Nicht die großen Muskeln, die durch die sinkende Serotoninkonzentration im Blut ruhiggestellt werden. Doch die kleinen Muskeln dürfen nach dem Lichtabdrehen noch ein bisschen schwätzen, und deswegen kommt es zu diesen Zuckungen der kleinen Körperregionen wie etwa rund um die Augen.
Überlebensnotwendig ist das heute überhaupt nicht mehr, eher komplett sinnlos. Aber früher, als wir noch in Bäumen gewohnt und geschlafen haben, war das vielleicht anders. Damals könnten diese Zuckungen eine Reaktion auf kleine Störungen in der Umgebung gewesen sein, etwa weil ein Ast sich im Wind bewegt hat. Ein kleines Geräusch, schon war unsere Aufmerksamkeit geweckt. Und weil wir mit geschlossenen Augen schon damals sehr schlecht gesehen haben, war es eventuell besser, noch einmal wach zu werden. Lieber einmal zu oft als einmal zu wenig. Denn viele unserer nächsten biologischen Verwandten bauen keine Nester, sondern schlafen weit oben in Baumästen. Das ist sehr riskant, und wer nicht aufpasst, lernt die Schwerkraft genauer kennen.
Lucy in the Sky with Diamonds
So erging es vermutlich auch einer unserer berühmtesten Vorfahrinnen, die bereits vor etwa 3,2 Millionen Jahren gelebt hat. Was damals in ihrem Reisepass gestanden ist, wissen wir nicht, aber heute ist sie bekannt als Lucy, wird entwicklungs geschichtlich der Gattung Australopithecus afarensis zugeordnet und ist nach dem Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ benannt. Ihr Skelett – beziehungsweise was davon erhalten ist – zeigt, dass sie während des Lebens Knochenbrüche und Verletzungen erlitten hat, die höchstwahrscheinlich auf den Fall von einem Baum zurückzuführen sind. Für Lucy war das damals sicher sehr unangenehm, denn ein Gesundheitsversorgungssystem im heutigen Sinn gab es für sie nicht. Und Reha sowieso nicht.
Jene Knochenbrüche haben Millionen Jahre später in der Gegenwart, in der so ein Gesundheitssystem zwar existiert, aber längst noch immer nicht allen zugänglich ist, zu einiger Verunsicherung geführt. Aber nicht bei der Abrechnung der Kassenbeiträge, sondern bei der evolutionären Einordnung. Denn, nachdem Lucy lange Zeit als erste aufrecht gehende Hominidin oder Vorfahrin der Menschen gehandelt wurde, war die Erkenntnis, dass sie vielleicht doch wie ein Menschenaffe im Baum gelebt haben könnte, in der Anthropologie nicht sehr willkommen. Schließlich hätte es bedeutet, dass Lucy nicht nur Menschenvorfahre, sondern noch ein Menschenaffe war.





