von BETTINA WURCHE
Satanspilz und Flockenstieliger Hexen-Röhrling: Die märchenhaften Namen mancher Pilze zeigen, dass sie nicht nur eine große ökologische Bedeutung haben, sondern auch tief in unserer Kultur verwurzelt sind. Die Stiele und „Hüte“ größerer Arten schmecken uns, mikroskopisch winzige Hefen treiben in unserem Brotteig Blasen, und als Antibiotika retten sie täglich Leben.
Dennoch finden Fungi – so ihr wissenschaftlicher Name – in der Archäologie bisher kaum Erwähnung. Die Archäologin Hannah J. O‘Regan von der University of Nottingham ist dennoch überzeugt, dass Pilze bereits in der Steinzeit genauso wichtige Proteinquellen waren wie heute, frisch genossen oder getrocknet als Wintervorrat und Reiseproviant. Dass die Suche nach Hüten und Hyphen in archäologischen Stätten selbst mit modernen molekularen Methoden wenig erfolgreich war, könnte am hohen Proteingehalt der Gewächse liegen, erklärt sie. Die Speisezettel vergangener Kulturen bis in die Steinzeit zurück werden heute oft mit Isotopenanalysen rekonstruiert. Dabei können Wissenschaftler aus dem unterschiedlichen Verhältnis von Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Stickstoffspuren aus Knochen- oder Zahnproben Verstorbener auch herausfinden, ob diese einst Pflanzen oder Tiere verspeist haben. Da Pilz-Spuren mit ihrem hohen Proteingehalt tierischen Isotopen-Signaturen ähneln, könnten Pilze übersehen worden sein – in Zukunft müsse man noch genauer hinschauen.
Mit optischen Methoden hatten Wissenschaftler schon Pilzmahlzeiten steinzeitlicher Menschen nachgewiesen. Gemeinsam mit Kollegen der spanischen Universitäten von Burgos und Cantabria sowie der University of New Mexico ist Robert Power vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig dann auch mithilfe von Rasterelektronenmikroskopie und Röntgenspektroskopie bei Bewohnern der El-Mirón-Höhlen fündig geworden: In ihrem Zahnstein steckten neben pflanzlichen und tierischen auch pilzige Reste. Sie haben vor über 12.000 Jahren vermutlich Steinpilze verspeist.
Außerdem deuten manche Forscher Muster, die Steinzeit-Menschen vor 7.000 Jahren auf Höhlenwände pinselten, als Pilze: Ausladende Kopfbedeckungen im Atlasgebirge sollen Pilzhüte darstellen und pilzartige Zeichen in spanischen Höhlen den frühesten Gebrauch psychoaktiver Pilze abbilden.
Manche Pilze waren und sind so rar, dass sie Göttern und Herrschenden vorbehalten blieben: Ägyptische Wandmalereien und Papyrus-Texte aus der Pharaonenzeit zeigen sie als Symbole der Unsterblichkeit und Geschenke des Gottes Osiris. Die essbaren Gottesgeschenke durften nur von Pharaonen und den königlichen Familien verspeist werden. In der römischen Antike blieben zumindest Trüffel, Steinpilze, Boviste und Kaiserpilze Luxusfood der Herrschenden. Auch ihre dunklen Seiten waren längst bekannt: Der römische Kaiser Claudius starb 54 n. Chr. wohl an einer gezielt verabreichten Dosis Fliegenpilz.





