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Was die nächtliche Beleuchtung verrät
Erde & Umwelt

Was die nächtliche Beleuchtung verrät

Black Marble: Unsere Erde bei Nacht. · Foto: Michala Garrison/ NASA Earth Observatory

Wir Menschen haben die Nacht zum Tage gemacht: Unsere künstliche Beleuchtung macht unseren Planeten nachts immer heller. Jetzt enthüllt eine neue Analyse von hochauflösenden Satellitendaten erstmals nicht nur langfristige Trends dieser Lichtverschmutzung, sondern macht auch abrupte Veränderungen der nächtlichen Lichtverschmutzung sichtbar. Sie zeigt beispielsweise, dass sich der Ukraine-Krieg innerhalb kürzester Zeit auf die nächtliche Helligkeit von ganz Europa ausgewirkt hat. Gleichzeitig belegen die Daten aber auch, dass es bei der schleichenden Aufhellung der Nacht große regionale Unterschiede gibt – und dass die Nächte in einigen Regionen sogar wieder dunkler werden.
Autor
Redaktion
09. April 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Die Beleuchtung von Straßen, Gebäuden und Industrieanlagen hellt nicht nur die Umgebung, sondern auch den Nachthimmel auf. Dadurch sehen rund 80 Prozent der Weltbevölkerung keinen richtig dunklen Nachthimmel mehr und selbst in entlegenen Gebieten werden die Nächte heller. In den letzten Jahren hat die nächtliche Himmelshelligkeit weltweit zugenommen, wie Messungen mit Satelliten zeigen. Diese Aufhellung der Nächte behindert nicht nur die astronomische Himmelsbeobachtung, sie stört auch die innere Uhr von Mensch und Tier. So belegen Studien, dass Zugvögel durch hell beleuchtete Areale von ihrem Kurs abkommen können. Bei Korallen kommt das normalerweise vom Mondlicht synchronisierte Massenlaichen durch Kunstlicht aus dem Takt. Bei uns Menschen kann nächtliches Licht den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus stören und langfristig der Gesundheit schaden.

Entsprechend wichtig ist es, das Ausmaß der Lichtverschmutzung im Blick zu behalten. Bisher geschah dies durch Satelliten, die in wöchentlichem oder monatlichem Turnus die nächtliche Helligkeit verschiedener Regionen messen. Für die Auswertung der Lichtverschmutzung werden dann meist Daten mehrerer Satelliten und Zeiten zusammengefasst. Diese Erhebungen konnten jedoch kurzfristige Veränderungen nicht erfassen. Das hat sich jetzt geändert. Ein Team um Tian Li von der University of Connecticut hat jetzt erstmals die nächtliche Beleuchtung hochaufgelöst und in täglicher Zeitauflösung kartiert. „Zum ersten Mal wurden zu diesem Zweck tägliche Satellitenbilder auf globaler Ebene verwendet“, sagt Co-Autor Christopher Kyba von der Ruhr-Universität Bochum. Konkret nutzten die Forschenden den NASA-Datensatz der „Black Marble“ von 2014 bis 2022, der auf Messdaten eines standardisierten Infrarotsensors auf drei verschiedenen Satelliten beruht. Zusammen erfassen diese jede Nacht zwischen ein und vier Uhr örtlicher Zeit die Erdoberfläche im Bereich zwischen 70 Grad Nord und 60 Grad Süd. Jedes Pixel deckt dabei rund 0,5 Quadratkilometer ab.

China wird heller, Europa dunkler

Die Auswertungen ergaben, dass die nächtliche Lichtverschmutzung von 2014 bis 2022 um global rund 16 Prozent zugenommen hat. „Doch das bedeutet nicht, dass es überall zu einer Aufhellung kommt“, betont Kyba. Stattdessen hat die nächtliche Beleuchtung in einigen Regionen zugenommen, insgesamt um 34 Prozent, in anderen verringerte sich das Nachtlicht dagegen, insgesamt um 18 Prozent. „Der Gesamtwert kaschiert demnach eine weit verbreitete Koexistenz von Aufhellung und Abdunklung“, schreiben Li und seine Kollegen. Ihren Analysen zufolge haben sich in den vergangenen Jahren die Veränderungen in beide Richtungen intensiviert: „Die globale Nachtlandschaft wird dynamischer und volatiler“, so das Team.

So hat sich das nächtliche Streulicht in vielen Teilen Chinas und Indiens durch die Ausbreitung der Ballungsräume und die zunehmende Industrialisierung verstärkt. In anderen Regionen, darunter auch in Europa, nahm das Nachtlicht eher ab. „Besonders ausgeprägt sind diese Reduktionen in Frankreich mit 33 Prozent Helligkeitsabnahme, in Großbritannien mit 22 Prozent weniger und in den Niederlanden mit rund 15 Prozent Abnahme“, berichten die Forschenden. Sie führen dies auf den Wechsel zu LED-Beleuchtung, Energiesparmaßnahmen und eine gezielte Verringerung der Lichtverschmutzung in vielen Industrieländern zurück. „In Deutschland blieben die Lichtemissionen trotz lokaler Veränderungen insgesamt konstant“, berichtet Kyba. „Während in einigen Gebieten des Landes die Lichtemissionen um 8,9 Prozent anstiegen, sanken sie in anderen Gegenden um 9,2 Prozent.“

Schleichender Wandel und abrupte Wechsel

Doch neben solchen regionalen Unterschieden enthüllten die Daten auch zuvor weitgehend unbeachtete zeitliche Rhythmen: „Menschliche Aktivitäten und die daraus resultierenden Veränderungen der nächtlichen Beleuchtung sind keine gleichmäßigen, linearen oder stetigen Prozesse“, berichten Li und seine Kollegen. „Stattdessen zeigen sie ein breites zeitliches Spektrum – von allmählichen Veränderungen wie der der Ausbreitung der Städte oder
der Umstellung auf LED-Technik bis hin zu abrupten Ereignissen wie Industrie-Baustellen, Veränderungen kommunaler Beleuchtungsvorschriften, Stromausfällen durch Katastrophen sowie Störungen oder Zerstörungen der Infrastruktur.“

Ein Beispiel für solche plötzlichen Helligkeitsveränderungen lieferte die Corona-Pandemie: Im Jahr 2020 zeigte sich auf nahezu dem gesamten Globus eine Abnahme der nächtlichen Beleuchtung, besonders deutlich war dies in Asien zu beobachten. „Diese plötzliche Abdunklung stimmt zeitlich perfekt mit den weitverbreiteten Lockdowns und den Einschränkungen der wirtschaftlichen und sozialen Aktivität während der ersten Welle der Pandemie überein“, schreibt das Team. Ein weiteres Beispiel für abrupte Helligkeitswechsel zeigte sich im Jahr 2022 in Europa: „Hier sehen wir eine starke und anhaltenden Abnahme der nächtlichen Beleuchtung, entgegen den Trends auf den meisten anderen Kontinenten“, berichten die Forschenden. „Dieses Timing stimmt mit dem Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts und der dadurch ausgelösten Energiekrise in Europa überein.“

Insgesamt verrät die nächtliche Beleuchtung unseres Planeten damit sehr viel über seine Bewohner. „Die Daten erweitern und vertiefen unser Verständnis darüber, wie wir Menschen die Nacht verändern“, schreiben Li und seine Kollegen. „Unserer Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Licht-Fußabdruck sich nicht nur einheitlich ausweitet. Stattdessen ist dies ein dynamisches System, in dem Aufhellung und Abdunklung, abrupte und schleichende Prozesse nebeneinander stattfinden.“

Quelle: Tian Li (University of Connecticut, Storry) det al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10260-w

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