Fledermäuse sind zusammen mit den eng verwandten Flughunden die einzigen Säugetiere, die aus eigener Kraft fliegen können. Doch nicht nur das macht sie außergewöhnlich: Sie jagen in völliger Dunkelheit mit Hilfe von Echoortung, vermeiden selbst in großen Schwärmen geschickt Zusammenstöße und weisen zudem eine außergewöhnliche Krankheitsresistenz sowie eine im Verhältnis zu ihrer Größe lange Lebensspanne auf. Heute sind sie auf der ganzen Welt verbreitet und spielen in vielen Ökosystemen eine bedeutende Rolle als Bestäuber, Samenverbreiter und Schädlingsbekämpfer.
Lebende und fossile Arten
„Die Evolutionsgeschichte der Fledermäuse und das Verständnis ihrer einzigartigen Anpassungen waren jedoch ungeklärt“, erklärt ein Team um Ariadna Morales vom Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum in Frankfurt. In einem internationalen Forschungsprojekt namens Bat1K haben Morales und ihre Kollegen nun die Genome von 103 Fledermausarten aus allen 21 Fledermausfamilien untersucht. Dabei bezogen sie auch Fossilien von 44 ausgestorbenen Arten ein, die vor bis zu 56 Millionen Jahren lebten.
Auf diese Weise erstellten die Forschenden die bisher detaillierteste Rekonstruktion der Fledermausevolution. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Fledermäuse – und damit der aktive Flug bei Säugetieren – wahrscheinlich vor rund 65 Millionen Jahren in Europa entstanden sind“, berichtet das Team. Damit widerlegt die Studie frühere Annahmen, nach denen der Urahn der Fledermäuse in Afrika, Asien oder Nordamerika lebte. Stattdessen gelangten die frühen Fledermäuse von Europa aus zunächst nach Afrika, bevor sie sich nach Asien, Amerika und Australien ausbreiteten.
Rätselhafter Stammbaum entwirrt
Die neuen Genomdaten klären auch einige lange umstrittene Fragen zu den Verwandtschaftsverhältnissen verschiedener Fledermausfamilien und verraten, warum es bisher so schwierig war, einen eindeutigen Stammbaum der Fledermäuse zu erstellen: Zwar haben sich bereits früh verschiedene Abstammungslinien herausgebildet, doch Angehörige verschiedener Linien haben sich in einer frühen Phase der Evolution wiederholt miteinander fortgepflanzt und so genetisches Material ausgetauscht. Deshalb tragen heutige Fledermäuse ein genetisches Mosaik verschiedener Evolutionsschritte in sich.
Erst im groß angelegten Vergleich identifizierten die Forschenden eine Region des X-Chromosoms, die weitgehend unabhängig von den Vermischungen geblieben war und so Rückschlüsse auf die tatsächliche Evolutionsgeschichte zuließ. „Nach jahrzehntelanger Forschung und widersprüchlichen Ergebnissen verfügen wir nun endlich über einen soliden phylogenetischen Stammbaum, mit dessen Hilfe wir nun richtig verstehen können, wie und wo sich die einzigartigen Merkmale der Fledermäuse entwickelt haben“, sagt Seniorautorin Emma Teeling vom University College Dublin.
Fledermaus-Superkräften auf der Spur
Auf dieser Basis kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich bereits die ältesten Ur-Fledermäuse nicht nur fliegen konnten, sondern auch in der Lage waren, sich per Echoortung zu orientieren. Laut Morales und ihrem Team könnten diese Fähigkeiten einen entscheidenden Beitrag zum evolutionären Erfolg dieser Tiergruppe geleistet haben.
Die neuen Daten bieten zudem eine Grundlage, um die Gene zu erforschen, die für weitere außergewöhnliche Eigenschaften der Fledermäuse verantwortlich sind, darunter ihre Langlebigkeit und ihre hohe Resistenz gegen Krankheitserreger. Damit könnte die Studie auch für die menschliche Gesundheit relevant sein. Denn Fledermäuse tragen viele Viren in sich, die im evolutionären Wettrüsten mit ihren Wirten besonders aggressiv geworden sind und auch auf Menschen überspringen können. Langlebigkeitsgene der Fledermäuse könnten zudem die Alterungsforschung voranbringen.
„Fledermäuse sind eines der größten Experimente der Evolution“, sagt Co-Autorin Sonja Vernes von der University of St Andrews. „Die im Rahmen von Bat1K erstellte Genomressource ermöglicht es uns endlich zu verstehen, wie sich ihre bemerkenswerte Biologie entwickelt hat.“
Quelle: Ariadna Morales (Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum, Frankfurt) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-11007-3





